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Physiotherapie - ein Beruf für Blinde?

Drei Jahre Bachelor-Studium hat sie hinter sich, noch ein Semester, eine Diplomarbeit und ein Praktikum in der Neurophysiotherapie, dann hat die blinde Vanessa Bossard ihren Abschluss als Physiotherapeutin.



Die Badstrasse schlängelt sich vorsichtig von der Bruggerstrasse hinunter zur Aare. Dort unten am Flussufer, an der Badstrasse 55, liegt die aarReha Schinznach. Reha steht für muskuloskelettale Rehabilitation. Hier behandeln Ärzte und Physiotherapeuten Verletzungen des Haltungs- und Bewegungsapparates. Seit 2012 hat die aarReha Schinznach vom Kanton Aargau auch einen Leistungsauftrag für die geriatrische Rehabilitation. Dieser Zuspruch kommt älteren Menschen mit mehreren Krankheiten zugute.


Wie ein Baum im Wind


Es ist Montagmorgen, einer der ersten heissen Tage im Juni.
«Hände ganz locker lassen und Körper gerade aufrichten. Gewicht langsam nach vorne verlagern, dann nach hinten – so wie ein Baum im Wind.» Vanessa Bosshard ist angehende Physiotherapeutin. Sie steht am Gerätebarren zwischen zwei halbhohen Holzholmen, ihren linken Arm um Gottlieb Stockers neue Hüfte gelegt. Sie spürt, dass ihr Patient am ganzen Körper zittert. Die Übungen sind anstrengend. Sie sucht mit ihren Händen, Füssen und Beinen Stockers Nähe. Sicherheit ist wichtig. Sie kann nicht sehen, ob ihrem Patienten schwindlig wird – sie spürt es. Denn Vanessa ist seit ihrem 15. Lebensjahr blind. Ein Tumor hat ihr langsam die Sehkraft genommen. «Durchatmen und die Augen schliessen», sagt sie nach einer kurzen Atempause. Vanessa bückt sich und tastet unter dem Barren nach einer Schaumgummimatte. Es liegen diverse Unterlagen am Boden verstreut. «ich arbeite in Etappen, weil ich den Menschen nicht als Ganzes erfassen kann», erklärt sie, während sie die Matte vorsichtig unter Stockers Füsse legt. Abwechselnd überprüft sie nun mit ihren Händen die Haltung seiner Knie, Hüfte, seines Rückens und der Schultern. Sie wiederholt ihre Anweisungen freundlich und präzise. «Gewicht langsam nach vorne verlagern und wieder zurück.» Mit einem «sehr gut gemacht», beendet sie schliesslich die 30 Minuten Gymnastik.


Dem Willen sind Grenzen gesetzt


«Die Physiotherapie hat für mich auch Grenzen», sagt Vanessa, da müsse sie realistisch bleiben. Bei einer schweren Diskushernie beispielsweise, ist sie äusserst vorsichtig, aus Angst dem Patienten weh zu tun. Und sie braucht mehr Zeit für ihre Arbeit als die anderen Therapeuten. Schnell geht gar nichts. Das leuchtet ein.

Trotzdem: In ihrem Handeln liegt kein Zaudern und Zögern. Vanessa hat sich ihre Welt so eingerichtet, dass sie ihre Arbeit mit Routine erledigen kann. Auch das gibt Sicherheit. Winkelmesser und Messband sind mit Lesezeichen markiert und ihr Computer verfügt über ein Bildschirmleseprogramm. Alle Daten und Vorkommnisse spricht sie akribisch auf ihren elektronischen Notizblock, den sie immer in ihrer weissen Ärztehose mit sich führt. Dass sie eine gebürtige Tessinerin ist, fällt erst beim Notizenmachen auf.


Begegnung mit Menschen


Mit zehn Jahren ist sie weggezogen nach Baar, in die Blindenschule Sonnenberg. «Da habe ich zum ersten Mal Physioluft geschnuppert», erinnert sich Vanessa. Und sie erzählt die Geschichte von der älteren Dame, wie sie der Frau täglich im Wasser Bälle zuwarf. Zum Abschied bekam Vanessa ein Buch mit Widmung geschenkt und ein liebevolles Feedback.

Physiotherapeutin will sie werden, weil sie gut mit Menschen umgehen kann und sie mag. Vanessa hat hohe Ziele und den Willen, ihren Weg zu gehen. Drei Jahre Bachelor-Studium hat sie hinter sich, noch ein Semester, eine Diplomarbeit und ein Praktikum in der Neurophysiotherapie, dann hat sie ihren Abschluss.

Alles wunderschön. Allzu schön? Mag sein. Vanessa bleibt auch in dieser Frage realistisch. Es gäbe nicht viele Reha-Kliniken, die blinde Therapeuten einstellen: «zu aufwändig, zu teuer». Zudem lassen sich die neuen Geräte fast ausschliesslich über Touchscreens bedienen, einen Bildschirm also mit Berührungseingabe. Mit dieser Technologie tun sich Sehbehinderte schwer.

Vanessa lässt sich trotz technischen Fortschritts nicht vom Weg abbringen. «Patienten helfen gerne beim Einstellen und Ablesen der Geräte», weiss sie aus Erfahrung, «und die Teamkollegen nehmen sich die Zeit, mir in Ruhe alles zu erklären.»

Physiotherapie ist eine Arbeit für Menschen mit einer Behinderung. Vanessa kennt den Wert dieser Arbeit, weil sie Hilfe gibt und auch Hilfe annehmen kann. Empathie lässt sich nicht elektronisch abrufen, und sie kostet weder Zeit noch Geld. Und zeichnet nicht genau diese Eigenschaft gute Therapeutinnen und Therapeuten aus? Che cosa si può desiderare di più? Was wünscht man sich mehr?


Zur Person


Vanessa Bosshard wurde 1986 in Caslano (TI) als Jüngste von fünf Kindern geboren. Mit 11 Jahren zog sie nach Baar (ZG) und besuchte dort die Sehbehinderten- & Blindenschule Sonnenberg. 2002 ging sie für vier Jahre zurück ins Tessin und absolvierte in einer Privatschule das Gymnasium. Es folgte ein Vorpraktikum in der Rehabilitation in Rheinfelden und ein paar Semester in Psychologie an der Universität Zürich. Seit 2009 studiert sie Physiotherapie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Vanessa Bosshard ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann in Schaffhausen.


Gefunden unter dem Titel "Vanessa Bossard - eine Physiotherapeutin geht ihren Weg" am 4. September 2012 auf
http://www.aarreha.ch/content/vanessa-bosshard-eine-physiotherapeutin-geht-ihren-weg


© 2012 aarReha Schinznach