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"An der Uni fühlte ich mich so gut integriert wie nie zuvor". Erfahrungsbericht einer Studentin im Rollstuhl (10.3.2007)

Stéphanie Fidanza, Juristin und Vorstandsmitglied von AGILE, der Dachorganisation der schweizerischen Behindertenselbsthilfe, berichtet in "Agile – Behinderung und Politik 1/2007" rückblickend über ihre Erfahrungen als körperbehinderte Studentin. Dabei erhalten die Universität Fribourg und die Universität Lausanne ausgesprochen gute Noten!


Vorgeschichte


Mein Leben begann mit einer grossen Herausforderung: Als ich 6 Jahre alt war, wollte meine Mutter unbedingt, dass ich die normale Schule besuche. Es war für sie nicht einfach, die Schulleitungen und Psychologen zu überzeugen, dass ich dort besser aufgehoben wäre als in einer Sonderschule oder in einem Heim. Danach war mein Werdegang eher "klassisch": Orientierungsschule, Mittelschule, alles als "normale" Schülerin, aber natürlich war es immer sehr schwierig, die nötigen Änderungen zur Überwindung der architektonischen Hindernisse durchzusetzen. Vor allem bei meinem Eintritt in die Orientierungsschule: Erst als ich die Übertrittsprüfung vom 6. ins 7. Schuljahr bestanden hatte, wurde mit den Arbeiten begonnen, so dass ich den Unterricht erst nach drei Monaten besuchen konnte!

Im letzten Mittelschuljahr wurde die Entscheidung fällig, was ich nach der Matura machen und werden wollte. Zuerst hatte ich vor, Psychologie zu studieren, um mit Jugendlichen zu arbeiten und ihnen zu helfen. Der Kontakt mit jungen Menschen gefiel mir sehr, da ich selbst mehrere Geschwister habe. Schliesslich entschied ich mich aber für ein Rechtsstudium, um als Anwältin für die Rechte von Behinderten eintreten zu können. Für mein Studium wählte ich die Universität Freiburg.

Vor Studienbeginn wandte ich mich an die "Beratung für behinderte Studierende" der Dienststelle für Zulassung und Einschreibung der Universität und erklärte meine Situation. Im Juli nahm ich mit einer zuständigen Person der Beratung Kontakt auf. Wir machten einen Rundgang durch die Universität, um zu schauen, ob der Zugang zu allen Hörsälen und Kursräumen möglich war. Dabei stellten wir fest, dass vor Semesterbeginn im Oktober noch einige Änderungen nötig waren: Die Eingangstüren der Gebäude waren zu schwer, die Liftknöpfe zu hoch platziert, die Sitzreihen in den Hörsälen nicht zugänglich, und auch die Türen der Bibliothek konnte ich nicht ohne Hilfe öffnen. Damit ich mich selbstständig bewegen konnte, mussten verschiedene architektonische Anpassungen durchgeführt werden.

Die Schranken fallen


Bei Studienbeginn im Oktober waren verschiedene architektonische Hindernisse beseitigt worden: Die Eingangstüren der verschiedenen Gebäude waren nun elektrisch; die Liftbedienungsknöpfe waren auf Rollstuhlhöhe angebracht; in den Hörsälen gab es neu kleine Tische. Der grösste Teil der Arbeiten war also bereits ausgeführt worden! Ich schätzte es sehr, dass die Anpassungen so rasch vorgenommen worden waren und ich so meine Unabhängigkeit wahren konnte. Man war mir wirklich mit grossem Verständnis entgegengekommen!

Das erste Jahr verlief bestens: Ich integrierte mich sehr schnell und fühlte mich wie eine ganz normale Studentin und nicht als die «Behinderte», die man schräg anschaut oder meidet. Wir verstanden uns gut, organisierten gemeinsame Essen, Arbeitsgruppen, Kino- oder Discobesuche, Tage in der Bibliothek usw. Vor den Prüfungen beantragte ich beim Examensdelegierten, dass mir für die schriftlichen Prüfungen mehr Zeit zur Verfügung steht. Dieser Wunsch wurde mir ohne Weiteres gewährt – mir wurden pro Prüfungsstunde 10 Minuten zusätzlich zugestanden.

Im September vor Beginn des zweiten Studienjahres wandte ich mich erneut an die Beratungsstelle für behinderte Studierende. Ich wollte sicherstellen, dass die Vorlesungen, die ich besuchen musste, in Hörsälen und Räumen stattfanden, die für mich zugänglich waren. Auch diesbezüglich funktionierte alles bestens. Vor den darauffolgenden Prüfungen nahm ich wieder Kontakt mit dem Examensdelegierten auf und erinnerte ihn daran, dass die mündlichen Prüfungen in rollstuhlgängigen Räumen stattfinden müssten. Auch diesem Anliegen wurde Rechnung getragen.

Trotz der Hilfe durch die Beratungsstelle, die der Ansicht war, dass alles funktionieren würde, musste ich im dritten Jahr nach einer Woche um einen Raumwechsel nachfragen, da der vorgesehene Raum für mich nicht zugänglich war. Die Beratungsstelle veranlasste sehr rasch das Nötige, und der betreffende Professor bedankte sich später sogar bei mir für diesen Raumwechsel, da er den anderen Hörsaal überhaupt nicht mochte! In diesem Jahr gab es während der Prüfungen noch ein weiteres Problem: Die mündlichen Prüfungen eines der Professoren fanden in seinem Büro im dritten Stock eines alten Gebäudes zehn Minuten von der Universität entfernt statt. Ich hatte um einen Raumwechsel gebeten, doch der Professor zog es vor, die Prüfung in einen Raum der Universität zu verlegen. Als ich davon erfuhr, war ich etwas nervös: Ein Professor, der sich für eine Studierende extra an einen anderen Ort begibt, das war kein gutes Zeichen! Schliesslich verlief aber alles gut, abgesehen davon, dass meine Prüfung nun anstatt um 17 Uhr um 19 Uhr stattfand. Ich war die letzte Kandidatin auf der Liste, und der Professor war für seine langen Prüfungen bekannt…


Das Leben als Studentin


Vor Beginn des vierten Studienjahres war die Universitätsbibliothek renoviert worden: Die schwere braune Eingangstüre war durch eine viel praktischere automatische Glasschiebetüre ersetzt worden. Das war toll, ich war nicht mehr auf andere angewiesen, die mir die Türe öffneten, sondern konnte jetzt ganz nach Belieben ein- und ausfahren! Im vierten Jahr hatten Aurélie, meine beste Freundin, und ich die Möglichkeit, neben dem Studium als Unterassistentinnen bei einem Professor zu arbeiten. Diese Tätigkeit war sehr interessant und bereichernd: Unsere Aufgabe bestand darin, eine Textsammlung mit sämtlichen in seinem Buch zitierten Gerichtsurteilen, insgesamt rund 650 Seiten, zusammenzustellen. Dies war mein erster Schritt in die Arbeitswelt, der dank meiner Freundin zustande gekommen war. Sie hatte mir vorgeschlagen, ihre 100-Prozent-Stelle in zwei 50-Prozent-Stellen aufzuteilen. Schliesslich näherten sich die Schlussexamen mit grossen Schritten, und wir verbrachten die meiste Zeit in der Bibliothek, organisierten uns in Lerngruppen, trafen uns zu Kaffeepausen, oft waren wir so müde, dass wir uns kaum von unseren Lachanfällen erholen konnten: Acht Stunden täglich in der Bibliothek zu verbringen, war anstrengend! Schliesslich aber erlangten wir unseren Abschluss.

In diesen viereinhalb Jahren an der Universität haben mich die Atmosphäre, die Grosszügigkeit, die Offenheit und Verbundenheit am meisten beeindruckt. Nie habe ich mich so integriert gefühlt wie dort. Was die architektonischen Hindernisse anbelangt, so wurden fast alle beseitigt, wobei natürlich der Struktur der alten Gebäude Rechnung getragen wurde. Nach dem Abschluss in Freiburg absolvierte ich an der Universität Lausanne ein einjähriges Nachdiplomstudium in europäischem und internationalem Wirtschaftsrecht. Auch hier gibt es nichts zu kritisieren, denn die Universität Lausanne war bereits bestens auf Menschen mit Behinderungen eingestellt!

Abschliessend würde ich sagen, dass die beste Zeit meines Lebens die Zeit an der Uni war, das Studentenleben mit seinen Höhe- und Tiefpunkten, seinen Misserfolgen und Erfolgen, den langen Tagen in der Bibliothek und den gelegentlichen Abenden im Restaurant oder in der Disco. Jetzt muss ich in die Arbeitswelt einsteigen, und das ist noch einmal etwas ganz anderes!