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Vom Gimmi an die Uni: Lernen und Studieren mit einer Sehbehinderung...

Zu den normalen Schwierigkeiten von StudienanfängerInnen kommen bei behinderten Studierenden eine ganze Reihe zusätzlicher Probleme hinzu. Doch solange die ausbildende Institution mitmacht ist vieles möglich

Ich, Christine Felder, habe im Sommer 03 die Matura an der Feusischule, einer privaten Mittelschule in Bern, gemacht. Die Zeit am Gymnasium werde ich stets in sehr guter Erinnerung behalten, denn die Zusammenarbeit mit den Lehrern und der Schulleitung auf Grunde meiner Sehbehinderung hat für mich immer bestens funktioniert. Schon während dem Gymi musste ich mich natürlich damit befassen, wie es nach der Matura weitergehen soll, denn dass mein Traumberuf Zahnärztin wegen meiner voranschreitenden Sehbehinderung nun ewig ein Traum bleiben wird, wurde mir schnell klar. So habe ich mich für diverse andere Studien umgesehen und musste leider die Erfahrung machen, dass die meisten Leute sich gar nicht vorstellen können, wie eine stark sehbehinderte oder blinde Person ein Studium abschliessen kann. Auf die Frage, wie Sehbehinderte und Blinde lernen und studieren können, wissen die allermeisten Normalsehenden keine Antwort.

Sehbehinderte Studenten/Innen haben es gewiss schwieriger als ihre normalsehenden Kollegen und Kolleginnen. Doch dank guter Hilfsmittel ist es auch uns möglich, höhere Ausbildungen zu absolvieren. Das Problem für uns ist eher die Gesellschaft, die sich nicht vorstellen kann, wie wir als Sehbehinderte den ganzen Lernstoff verarbeiten können. Das liegt wohl darin, dass bei einer normalsehenden Person, wenn sie ihre Augen schliesst, ca. 80% ihrer Sinneseindrücke weg sind. Dass man diese aber grösstenteils kompensieren kann, können sich Normalsehende nur schlecht vorstellen. So müssen wir Sehbehinderte und Blinde uns oft einen Ausbildungsplatz erkämpfen. Es geht dabei darum, die Schulleitung zuerst davon zu überzeugen, dass wir trotz unserer Behinderung dem Unterricht folgen können. Ich denke, dass dieses Unverständnis das aller grösste Problem ist. Die sehende Gesellschaft hat oder nimmt diesbezüglich kaum Einblick in das Blindenwesen. Um den Normalsehenden einen Einblick zum Thema "Studieren mit einer Sehbehinderung" zu gewähren, schreibe ich diese paar Zeilen.

Zu meiner Gymer- und Maturazeit war ich schon sehbehindert, jedoch noch nicht so stark wie heute. Natürlich war für mich die ganze Maturavorbereitung mit einem wesentlichen Mehraufwand verbunden. Doch dank der verständnisvollen Schulleitung, die mich in dieser Hinsicht sehr gut unterstützt hat und meinem damals noch wichtigsten Hilfsmittel, dem Lesegerät, habe ich die Matura erfolgreich abschliessen können. Da kommen wir bereits zum ersten Fremdwort für den Laien. Was nämlich ist ein Lesegerät? Ein Lesegerät ist ein Vergrösserungsgerät, hat etwa die Grösse eines Computers und kann einen Buchstaben auf etwa 15 cm vergrössern. Kontraste und Farben können individuell eingestellt werden. Das Lesen mit dem Lesegerät ist mit einem deutlichen Mehraufwand verbunden, der je nach Vergrösserungsbedarf nur kleine Textausschnitte oder einzelne Buchstaben des Textes ersichtlich macht und so der Gesamtüberblick weitgehend fehlt. Hat man aber das Ziel klar vor „Augen“, nimmt man diesen Mehraufwand gerne auf sich und ist froh, so überhaupt noch lesen zu können. Die vielen Maturalektüren habe ich allerdings zum grössten Teil durch Hörspiele erlernt und auch das hat bestens funktioniert.

Heute ist meine Sehbehinderung viel stärker als noch zur Maturazeit und so kann ich dieses Lesesystem nicht mehr verwenden. Jetzt denken Sie vielleicht, dass ich jetzt nun keine gute Ausbildung mehr machen könne. So ist es nicht, denn die heutige Informatik ermöglicht auch Blinden und stark Sehbehinderten den Zugang zu höheren Schulen und Universitäten. Heute ist das Laptop mit Sprachausgabe zu meinem wichtigsten Hilfsmittel geworden. Das heisst, alles was Normalsehende auf ihrem Bildschirm sehen und lesen können, wird durch die Sprachausgabe Jaws durch mein Laptop gesprochen. Er ist sogar sehr sprachbegabt und spricht mehrere Fremdsprachen. Natürlich musste ich auch die Braille- resp. Punktschrift erlernen, welche ich bis heute schon gut im Griff habe. Doch man wählt nun eben den Weg des geringsten Widerstandes, denn mit dem Laptop ist man schon um einiges schneller als mit der Punktschrift.

So kommen wir nun zum nächsten Problem für den Laien. Die Lehrmittel sind ja nämlich gar nicht in digitaler Form oder Punktschrift vorhanden. Auch zu diesem Problem gibt es eine Lösung. Die Blindenbibliothek in Zürich erstellt uns sämtliche Bücher und Lehrmittel entweder auf Diskette, Hörbücher oder in Punktschrift. Natürlich, und das geben wir auch zu, ein Studium ist für uns als Sehbehinderte mit einem viel grösseren Aufwand als für Normalsehende verbunden. Erstens müssen wir uns einen Ausbildungsplatz erkämpfen, zweitens den Lehrstoff immer in gewünschter Form bei der Blindenbibliothek bestellen und drittens brauchen wir einfach einen grösseren Lernaufwand. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und wo ein Weg ist, ist ein Ziel!

Diese Hilfsmittel ermöglichen uns also den Zugang zu guten Ausbildungen. Es ist natürlich unerlässlich, dass uns die Schulleitungen in gewissen Dingen entgegenkommen. So zum Beispiel ist es für uns als Sehbehinderte von grossem Nutzen, an Prüfungen über einen etwas grösseren Zeitumfang zu verfügen. Oft ist es auch für die Mitstudierenden eine Herausforderung und eine interessante Erfahrung, einen Sehbehinderten in der Klasse zu haben.

Ich selbst habe mich nach der Matura für den Beruf als Physiotherapeutin entschlossen, doch leider waren die Physioschulen in absehbarer Zeit nicht bereit, blinde und stark sehbehinderte Studenten/Innen aufzunehmen. So musste ich mich weiter mit dem Thema "Studienwahl" beschäftigen und bin auf die Uni Freiburg gekommen, welche sehr behindertenfreundlich ist. Jetzt werde ich definitiv im Herbst 04 das Psychologiestudium an der Uni Freiburg beginnen, worauf ich mich sehr freue!

Ich hoffe nun, dass alle jene, welche die Vorstellung hatten, dass Studieren mit einer Sehbehinderung kaum möglich sei, ihre Meinung ändern. Dank verschiedener Hilfsmittel ist es auch Sehbehinderten möglich, Ausbildungen erfolgreich zu bestehen.

Christine Felder, im Mai 2004