Suche

Blind und taub, aber voll dabei: Behinderte Studenten: Warum ihnen Hören und Sehen nicht vergehen muss

Rund 4000 blinde Menschen leben in der Schweiz. Ein knappes Dutzend von ihnen findet jährlich den Weg an die Unis. Dort sind sie, genauso wie taube oder hörbehinderte Studenten, auf technische Hilfsmittel und auf Unterstützung durch ihre Kommilitonen angewiesen, um den Vorlesungen folgen zu können. Nur starke Persönlichkeiten schaffen das Studium.



Von Oliver Klaffke
Weltwoche, 1. August 1996




Den Kopf etwas zur Seite haltend, die Finger der beiden Hände auf eine kleine Rille gelegt, die unterhalb der Computertastatur angebracht ist, schaut A. T.*, während sie liest, ins Leere. Unter ihren Fingerspitzen spürt sie kleine Stifte, die in den Buchstaben der Braille-Blindenschrift das Obligationenrecht Paragraph um Paragraph vorbeiziehen lassen. An einigen Stellen stoppt sie den Textfluss, weil sie etwas nicht richtig verstanden hat, spult zurück und liest noch einmal. A. T.*, Studierende der Jurisprudenz im dritten Semester an der Universität Basel, ist blind.
Als sie auf die Welt kam, konnte sie noch sehen. Ganz wenig und nur verschwommen, bis sie mit etwa vier Jahren ihr Augenlicht definitiv verlor. Wie sie erleben in der Schweiz etwa 4000 Menschen die Welt im Dunkeln, aber nur ein knappes Dutzend findet mit dem weissen Stock den Weg in die Hochschule. Eine Ausbildung, wie sie für ihre Altersgenossen mit gleicher Begabung fast selbstverständlich ist, ist für Blinde etwas Aussergewöhnliches.
A. T.*s Probleme sind natürlich nicht intellektueller, sondern praktischer Natur. Das Studium ist für Menschen, die an einer Behinderung der Sinnesorgane leiden und die es somit sehr schwer haben, sich mit den nötigen Informationen zu versorgen, die es für eine akademische Laufbahn braucht, ein schwieriges Unterfangen. Vorlesungsnotizen, Kopien, Skripte, Spickzettel, Bücher lesen - für Studierende mit normalem Sehvermögen ist das alles kein grosser Aufwand. A. T.* allerdings kann keinen Blick auf das Heft des Nachbarn werfen. Und sie kann kurz vor einer Prüfung auch die Mitschrift der Vorlesung nicht noch einmal durchsehen. Sie kann sich auch nicht in die Bibliothek eingraben, sich nicht durch Dutzende von Büchern lesen, keine Auszüge machen, und sie kann nur unter Anstrengungen in der Traumwelt des eigenen Faches versinken. All das, was für andere zum ganz normalen Studienalltag gehört, bedeutet für sie Aufwand, Mühe und Umstand. «Ein Buch zu lesen», sagt sie, «braucht drei bis vier Monate.»
Studienliteratur gibt es hierzulande, wie auch sonstwo, nicht in Braille. Und so muss jedes Buch, das A. T.* für ihr Studium lesen möchte, in mühevoller Kleinarbeit extra mit dem Scanner in den Computer eingelesen werden, damit die Maschine den Text nachher wieder in Braille unter ihren Fingerspitzen in einem langen Muster kurzer Berührungen ausgeben kann.

Erst die Technik macht es A. T.* möglich, überhaupt zu studieren. Ohne Einsatz eines Computers wären die zusätzlichen Kosten für ihre Ausbildung, für die die Invalidenversicherung aufkommt, untragbar. Wer wollte eine Sekretärin bezahlen, die ein juristisches Standardwerk Buchstabe für Buchstabe in Blindenschrift für eine einzige Leserin abtippt? Die Aufbereitung der Bücher übernehmen Beauftragte des Schweizerischen Blindenverbands. Kleinere Texte, wie etwa die kopierten Skripte, die Dozenten zu ihren Vorlesungen verteilen, scannt A. T.* selber ein - damit sie später ihre Fingerspitzen auf die kleine Schiene legen kann, auf dass Wort für Wort, Satz für Satz, Seite um Seite unter ihren Fingern durchfliesse. Ein enormer Fortschritt im Vergleich zur Zeit, als das Vorlesenlassen die einzige Möglichkeit für Blinde war, den Inhalt von Geschriebenem zur Kenntnis zu nehmen.
Die neue Methode ist aber immer noch unendlich mühsam. Während ein Sehender diagonal einen Aufsatz oder ein Buch lesen, mit wachem Auge den Text nach den wichtigen Stichworten absuchen kann, bleibt A. T.* kaum etwas anderes übrig, als sich praktisch Zeile um Zeile durch die Seiten zu arbeiten.

Viele Menschen, lange Gänge
Die Probleme begannen für A. T.* bereits, bevor sie zum erstenmal einen Professor zum Pult gehen hörte. Auf den ersten Blick ist die Universität Basel klein und überschaubar wie eine Kantonsschule; die meisten Hörsäle sind im Kollegiengebäude auf zwei Stockwerken untergebracht - überschaubar aber nur, wenn man sehen kann. «Am Anfang war es schwierig, mich dort zurechtzufinden», sagt sie. Die vielen Menschen, die langen Gänge wirken verwirrend auf jemanden, der blind ist. «Ich bin mit Kollegen das ganze Haus abgeschritten, damit ich mich zurechtfinden kann», sagt sie. Mittlerweile weiss A. T.*, wie die Schritte in der Eingangshalle klingen, welcher Bodenbelag im ersten Stock ist und wie die Aula hallt. Trotzdem bleibt das Gebäude ein zum Teil unbekanntes Land, mit immer neuen Gegenden, die sie noch nicht kennt: «Wenn ich nicht mehr weiss, wo ich bin, muss ich fragen.» Orientierungshilfen, wie zum Beispiel Teppiche auf den Treppen, in den Hörsälen, die eine Blinde wie auf einem Gleis hinein- und herausführen könnten, fehlen. Die Nummern der Hörsäle sind zwar deutlich und gross, in prächtigen Messinglettern über den Türen angebracht, doch weniger repräsentative, dafür in Blindenschrift, gibt es nicht. Ob Hörsaal Nummer sechs nun der erste, zweite oder vierte Raum im ersten Stock ist, muss ein Blinder auswendig wissen.

Gleiche Massstäbe
Lernen unter Sehenden ist für A. T.* dennoch nichts Neues. Während der Schulzeit hat sie ein Gymnasium besucht, in dem sie die einzige Blinde war. Dass sie nicht sehen konnte, war nach einer Zeit für alle normal, und dass sie die Matur gemacht hat, ebenso. Niemand mochte ihr bisher Sinn und Fähigkeit für das Studium absprechen. «Nein, ich bin noch nie gefragt worden, was ich überhaupt an der Universität mache», sagt sie. Statt Ablehnung spürt sie eher die Fürsorge der Dozenten. «Manchmal kommen die Professoren nach der Vorlesung zu mir und fragen, in welcher Form sie mir das, was sie auf den Folien gezeigt haben, geben können, damit ich auch etwas davon habe», sagt sie. Der Schongang beschränkt sich nur auf die Hilfestellung bei der Vermittlung von Informationen. Bei den Prüfungen muss A. T.* den gleichen Massstäben genügen wie ihre sehenden Kommilitonen. Von einem Bonus für Behinderte dank der «Ach, die hat es ja schon schwer genug»-Haltung hat sie bislang noch nicht profitiert. Lediglich bei der Statistikprüfung musste sie die Formeln nicht auswendig können; statt dessen wurde sie über die Theorie, die hinter der Korrelations-, der Regressionsanalyse oder dem Chi-Quadrattest steckt, befragt.

Ohne direkten Zugang zu den Bausteinen der akademischen Welt ist auch B. R.*, der an der Universität Bern Psychologie studiert. Nur noch knapp sechs Prozent Hörfähigkeit sind ihm verblieben. Eine Rötelninfektion während der Schwangerschaft hat ihm das Hören gekostet. Er bittet, laut, deutlich und schriftdeutsch zu sprechen; während des Gesprächs sind seine Augen auf die Lippen des Gegenübers konzentriert. Wenn er Notizen auf das Papier bringt und der Blick sich nach unten richtet, hält man am besten mit dem Sprechen inne, um erst wieder weiterzumachen, wenn er einen anschaut. Doch im Gegensatz zu A. T.* ist ihm der grösste Informationsspeicher an der Universität nicht versperrt. Er kann die gleichen Bücher lesen, über die sich auch seine hörenden Kommilitonen beugen, die Overhead-Folien hinter dem Professor sehen und das Geschriebene auch begreifen. Das ist unter Gehörlosen nicht selbstverständlich. «Viele», sagt er, «verstehen die Fremdwörter nicht.» Sie sind mit der Gebärdensprache aufgewachsen. Das, was für die Hörenden eher wie ein Hilfsmittel wirkt, eine Krücke, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten, ist für sie eine eigene Sprache, ja eine eigene Welt, in der das geschriebene Wort ein Fremdkörper ist.

Fremde Hilfe ist lebenswichtig
B. R. ist ein «lautsprachlich kommunizierender Hörgeschädigter». Er besuchte eine Schule, in der er mit hörenden Kindern in der gleichen Bank sass. Statt sich in Gebärdensprache zu unterhalten, statt, wenn er Mama sagen wollte, mit der leicht geballten Hand zweimal an der Wange von oben nach unten zu streichen, schaffte er den Anschluss an die Verständigungsform der Hörenden. Der universitäre Weg, den er eingeschlagen hat, wird vielen Kindern, die einen Hörschaden haben, bereits in den ersten Lebensjahren für immer verbaut. Dass ein Kind schlecht hört, wird in den meisten Fällen erst im Alter von drei Jahren entdeckt. Wenn es dann ein Hörgerät und eine besondere Behandlung erhält, ist es meistens schon zu spät.
«Schuld daran sind eigentlich die Hausärzte», sagt B. R.. Es fehlt an ausgebildeten Spezialisten, die Schwerhörigkeit bei Kindern richtig erkennen können. Kein Wunder, dass an den Universitäten in der Schweiz 1994 schätzungsweise nur 15 taube oder hochgradig Hörbehinderte und 60 mittelgradig Hörbehinderte eingeschrieben waren.

«Es gehört eine starke Persönlichkeit dazu, diesen Weg zu gehen», sagt er. Sein eigenes Studium empfindet B. R. nicht als allzu problematisch; auch ihm ermöglicht erst die Technik das Leben an der Universität. Ein Hörgerät, das den Funkverkehr zwischen dem Mikrophon des Professors und den Lautsprechern im Hörsaal abfängt und in seine Ohrmuscheln leitet, sorgt dafür, dass er den Vorlesungen folgen kann. Wenn der Dozent keinen Schnauz hat, der die Lippen bedeckt und nur ahnen lässt, was sie artikulieren, versteht er ganz gut, worum es geht. Schwierig wird es, wenn B. R. in einem Seminar mit anderen Studierenden sitzt. «Wenn nur einer redet, und das klar und in Schriftdeutsch, verstehe ich es», sagt er. Doch manchmal geht es hoch zu und her. Da wird auf Berndeutsch gepoltert, in Baseldeutsch getuschelt und im St. Galler Dialekt gezischt. Zu undeutlich, um das mit ein paar Prozent verbliebener Hörfähigkeit und nur einem Augenpaar zum Lippenlesen noch zu verstehen.

Fremde Hilfe ist für B. R. lebenswichtig. Weil er die Lippen des Dozenten nicht aus den Augen lassen darf, um den Faden nicht zu verlieren, kann er keine Notizen machen, die der normal Hörende nebenbei zu Papier bringt. Für die Mitschrift hat B. R. mit Unterstützung der Invalidenversicherung einen Studenten angeheuert, der ihm die Vorlesung mitschreibt, während er, konzentriert auf die Lippenbewegungen, dem Vortrag des Dozenten folgt.

Eine Belastung ist das Studium trotzdem. Oft gehen Hörbehinderte mitten in der Stunde nach Hause, erschöpft von der Vorlesung. «Man will», sagt B. R., «dann einfach nur noch allein sein.»

* Name vom Webmaster auf Wunsch der Betroffenen aus dem Originalartikel entfernt