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Blick über den Zaun: Blinde Studierende in Deutschland - Teil 1

Spezielle Software, Assistenten und das Internet machen Sehbehinderten das Studium möglich. Trotzdem ist der Weg zum Examen für viele äußerst steinig. Unter dem Titel "Studium mit Handicap" berichtet Nina Brodbeck in der FAZ vom 13. April 2008 über die Situation blinder und sehbehinderter Studierender in Deutschland.



Sebastian Andres ist von Geburt an blind. Er hat die Welt nie gesehen – und doch eine genaue Vorstellung von ihr. Straßen, Plätze, Bahnlinien, alles ergibt ein Bild in seinem Kopf. Den Berliner S-Bahnhof „Westkreuz“ zum Beispiel stellt er sich tatsächlich wie ein Kreuz vor. Den Längsbalken in Nord-Süd-Richtung bilden die Strecken der Ringbahnlinien 41 und 42, den Querbalken von West nach Ost die Linien S9 und S7. „Ist doch ganz logisch“, sagt er. „Oder?“ Der Dreiundzwanzigjährige geht die Dinge gern praktisch an. Am liebsten ist es ihm, wenn alles so läuft wie bei Gleichaltrigen, die sehen können. „Ich bin keiner, der ständig eine Extrabehandlung einfordert“, erklärt der Nordhesse. „Keine Frage, ich habe natürlich meine Probleme“, räumt er ein. „Aber trotzdem kann ich mein Leben bewältigen.“


Deshalb wollte Sebastian Andres auch nicht in Marburg studieren, wo er schon die Sehbehindertenschule besucht und Stock und Stein kennengelernt hatte. Stattdessen verordnete er sich ein Informatikstudium in Berlin. „Ganz praktisch“, wie er sagt, ging er den Wechsel an: Immatrikulation, Zimmersuche, Orientierung in der Stadt und auf dem Campus, alles lief glatt. Im Studium aber stieß er an Grenzen, als die ersten Leistungsscheine anstanden.


Ärger über die Haltung der Professoren



„Obwohl mir die Professoren am Anfang gesagt haben, dass mich voll unterstützen, waren sie dann kaum bereit, nach Lösungen zu suchen“, berichtet er. Er schlug vor, Gleichungen mündlich zu lösen, statt sie an der Tafel vorzurechnen. Ein Helfer hätte sie an die Tafel schreiben sollen. „Aber es hieß nur: Reicht nicht als Leistungsnachweis.“ Den Ärger darüber hört man noch heute in Andres’ Stimme. Schwierigkeiten gab es auch in Klausuren. Mathematische Beweise wollte er mündlich statt schriftlich durchführen; dazu wollte er für Notizen seine Braille-Maschine mitbringen – im Kopf lassen sich Beweisverfahren über halbe DIN-A4-Seiten kaum rechnen. Wieder hätten die Dozenten abgelehnt. „Sie sagten mir, sie könnten nicht lesen, was ich mir in Braille-Schrift aufschreibe. Das könnte ja unzulässig sein.“


Das Studium sei gewiss nicht nur an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der Dozenten gescheitert, wendet Elfriede Fehr ein. Die Prodekanin des Informatik-Instituts der Freien Universität gesteht zwar zu, dass eine Sehbehinderung die Anforderungen erhöhe, vermutet aber in Andres’ Fall auch mangelnde Begabung für das Fach. „Studenten mit Behinderung und Beeinträchtigung haben generell Anspruch auf Ersatzleistungen wie mündliche Prüfungen. So steht es im Gesetz. Und das wenden wir auch an“, sagt die Professorin. Unter Umständen wüssten dies jedoch manche Tutoren nicht. „Aber dann hätte er sich eben an den Professor wenden müssen oder an die Studienberatung oder das Prüfungsbüro, damit die das klären.“


Michael Richters Beratungstermine sind voll von Geschichten, wie Sebastian Andres sie erzählt. Der Jurist, selbst als Teenager erblindet, ist Geschäftsführer des „Deutschen Vereins für Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf“ (DVBS) und leitet dessen Rechtsberatung. Je weniger Erfahrung Dozenten mit blinden Studenten hätten, umso weniger risikobereit seien sie. „Wenn man etwa als hochgradig Behinderter Chemie studieren möchte, kann man darauf wetten, dass Sicherheitsbedenken kommen.“ Dabei ist Richter sicher, dass es immer eine Lösung gibt – jedenfalls dann, wenn die Herausforderung den Ehrgeiz der Professoren selbst weckt. „Das ist das Beste, was einem passieren kann.“


Glücksfall in der Politologie


Ein solcher Glücksfall ist Sebastian Andres im Studium der Politikwissenschaften begegnet, in das er inzwischen gewechselt ist. „Der Prof hat es drauf gehabt. Nicht nur inhaltlich, sondern auch im Umgang mit mir“, berichtet er begeistert. „Er kam auf mich zu und fragte: Wie wollen wir es machen? Wie lange brauchen Sie?“ Dass er wesentlich mehr Zeit benötigt als seine sehenden Kommilitonen und diese Zeit für sich auch einfordern muss, wusste Andres nun. Denn ob Tafelmitschrift, Lehrbuch, Folien oder Übungszettel: Alles muss erst so aufbereitet werden, dass er damit arbeiten kann – etwa indem kürzere Texte eingescannt und mit einem Braille-Drucker in Punktschrift umgewandelt werden. Ein ganzes Lehrbuch aber würde so einen meterhohen Papierstapel ergeben. Da ist es besser, es sich digitalisiert zu besorgen und vom Computer vorlesen zu lassen – die Software dafür gibt es.


„Behindertenspezifischen Mehraufwand“ nennt Michael Richter das, was Blinde auf ihrem Weg zum Examen auf sich nehmen müssen. Wie hoch dieser sei, hänge vom Fach ab. In der Jura sei mit etwa 20 Prozent Mehrarbeit zu rechnen, in der Mathematik mit 50 Prozent. „Wenn Sie lange Formeln oder Gleichungen haben, wird das sehr schnell sehr unübersichtlich“, erklärt Richter, der selbst deswegen sein Mathestudium nach einem Semester aufgegeben hat. Trotzdem hält er nichts davon, ein Fach nur deshalb zu wählen, weil für Sehbehinderte darin die wenigsten Schwierigkeiten zu erwarten seien. Wollen Eltern wissen, was ihr blindes Kind studieren soll, fragt er deshalb oft zurück: „Was will es denn studieren?“ Nur wer motiviert sei, komme mit Hindernissen zurecht. „Diejenigen, die sich blind, aber sehenden Auges für Biologie oder Chemie entscheiden und das Studium dann trotz des Handikaps bewältigen, sind am Ende so gut, dass sie auch einen Job finden.“


8000 Sehgeschädigte unter zwei Millionen Studenten


Von den etwa zwei Millionen Studenten in Deutschland haben etwa 2100 starke, 5800 mittlere Sehschädigungen. Das Gesetz garantiert ihnen ein barrierefreies und chancengleiches Studium. Dafür können sie über die Sozialämter oder Studentenwerke Eingliederungshilfen in Anspruch nehmen, zum Beispiel Braille-Maschinen, die ihnen für die Studiendauer zur Verfügung gestellt werden. Außerdem können sie sich einen Studienassistenten zur Seite stellen lassen – meist ist das ein Kommilitone mit den gleichen Fächern. Die Assistenten begleiten Blinde zu Vorlesungen und Seminaren oder lesen ihnen Texte vor, die es nicht digitalisiert oder in Blindenschrift gibt. An einigen Unis gibt es auch Einrichtungen, wo Texte in Blindenschrift umgewandelt oder elektronisch gespeichert werden.


Claudia Meier arbeitet seit dreieinhalb Jahren in der Servicestelle für Blinde und Sehbehinderte an der FU Berlin. Die Achtundzwanzigjährige, die schon ein Psychologiestudium absolviert hat und nun noch Betriebswirtschaft draufsetzt, leidet selbst an einer degenerativen Erbkrankheit. Ihr Augenlicht verschlechtert sich seit der dritten Klasse von Jahr zu Jahr. Heute kann sie nur noch mit der Lupe lesen. Längere Texte lässt sie sich vom Computer vorlesen. Zügig gleiten ihre Finger über die Tastatur. „Rei, Rei, Reihe drei von zwölf. Tab. Markiert. Elektrotechnik“, meldet sich abgehackt die Computerstimme. „Er liest mir gerade eine Tabelle vor“, erklärt die Berlinerin. Das klinge deshalb so seltsam, weil der Computer auch eine Grafik immer von links nach rechts, Zeile für Zeile vorlese. Claudia Meier ist sich noch nicht sicher, in welchem Beruf sie ihr doppeltes Wissen später einmal anwenden wird; eine Karriere im Personalmanagement könnte sie sich vorstellen.


Keine Angst vor dem Berufsleben



Vor dem Sprung ins Berufsleben müssen Blinde sich nicht fürchten, findet Michael Richter. „Spezialisierung“ lautet sein Credo. Je besser ein Bewerber auf eine Stelle passe, je weniger spiele die Behinderung eine Rolle. „Das A und O ist, als Sehbehinderter ein Alleinstellungsmerkmal zu bekommen“, sagt er. „Bewerben Sie sich als einer von hundert Bürokaufleuten, werden Sie die Stelle nie bekommen. Dann sind Sie der, der noch dazu ein Handikap hat“, nennt er ein Beispiel. „Sind Sie aber der eine von hundert mit genau den SAP-Kenntnissen, die der Arbeitgeber unbedingt braucht, dann haben Sie eine reelle Chance.“


Seiner Meinung nach kann die Behinderung sogar zu zusätzlichen Qualifikationen für den Beruf führen. Wer blind sein Studium gemeistert habe, bringe wichtige Fähigkeiten mit. „Personalkompetenz zum Beispiel“, sagt Richter. „Blinde haben schließlich gelernt, mit Vorleseassistenten zu arbeiten.“ Sein nächstes Beispiel: „Managerfähigkeiten. Weil sie mit Sicherheit einen viel höheren Organisationsaufwand hatten als andere.“ Das dritte Argument: „Höhere Belastbarkeit. Weil sie ja sowieso immer mehr arbeiten mussten!“ So gesehen, lässt sich selbst einem gescheiterten Informatik-Studium etwas Positives abgewinnen. Zumal sich Sebastian Andres seine Begeisterung für Computer erhalten hat. Längst gehört er einer Gruppe von Hobby-Informatikern und EDV-Fachleuten an. Und im nächsten Jahr möchte er ein Praktikum bei der EU in Brüssel machen. Als Blinder? „Das wird schon klappen. Ich gehe die Sache einfach ganz praktisch an.“


Ein Klick zur Hilfe




Eine Auswahl der Service- und Informationsstellen für Blinde und Sehbehinderte in Studium und Beruf:


Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband
www.dbsv.org

Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf
www.dvbs-online.de

Deutsche Blindenstudienanstalt
www.blista.de

Netzwerk berufliche Teilhabe blinder und sehbehinderter Menschen
www.ihre-einstellung.de


© FAZ 2008 - letzte Änderung 7. Juni 2012