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Perspektiven für den SBV, Replik

Im Januar 2010 veröffentlichte Martin Näf in „der Weg“ einen Beitrag mit dem Titel „Perspektiven für den SBV“. Als Antwort darauf möchte ich in dieser Rubrik die drei von Martin Näf angeführten Themen eines nach dem anderen aufgreifen und kommentieren. - Daniel Baud, Weg 2, Mai 2010


Zusammenarbeit statt Vereinsmeierei


Zum Zeitpunkt der Gründung des SBV 1911 war die Bevölkerungsgruppe der Blinden und Sehbehinderten völlig anders strukturiert: Zum einen lag das Durchschnittsalter der Betroffenen vermutlich viel niedriger, zum anderen war die Zahl der Blinden deutlich grösser als die der Sehbehinderten. Darüber hinaus besassen Minderheiten aller Art seinerzeit praktisch keine Rechte. Die Gründung eines Vereins sehbehinderter Menschen zur Vertretung der Interessen seiner Mitglieder stellte insofern damals einen enormen Fortschritt dar. Mit anderen Worten: Die in ihrem Sehen eingeschränkten Menschen wollten in jeder Hinsicht unabhängig werden. Zeitgenössischen Zeugnissen zufolge ging mit diesem Wunsch ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn einher.


Im Jahr 2010 ist dieses Unabhängigkeitsstreben passé. Denn ungeachtet seiner Lebensumstände verfügt jeder Schweizer Bürger zum Leben immerhin über das Existenzminimum; ihm stehen zudem zahlreiche Freizeitangebote offen, die diverse Institutionen für die Gesamtbevölkerung organisieren. Folglich hat die Zugehörigkeit zum SBV nicht mehr den gleichen hohen Stellenwert wie früher. Natürlich bietet eine Mitgliedschaft im SBV auch Zugriff auf bestimmte Leistungen, die sicher attraktiv wenn auch nicht unverzichtbar sind. Vom Korpsgeist innerhalb des SBV, soweit es ihn je gab, ist jedenfalls derzeit nichts mehr zu spüren. Dazu braucht man nur darauf hinzuweisen, dass die Jahresversammlungen der Sektionen, die überwiegend am Jahresanfang stattfanden, gerade in den bedeutenderen Sektionen nur wenige Mitglieder anlockten. Ohne die Aussicht auf das gemeinsame Essen wären es vermutlich noch weniger gewesen.


Man kann auch nicht behaupten, die Behindertenorganisationen würden sich neue Mitglieder wechselseitig „wegschnappen“. Denn die Betroffenen wenden sich heute an jene Institution, die ihnen von einem Beratungsdienst oder von Bekannten empfohlen wird.


Es trifft zu, dass sich im Sektor Sehbehinderung zu viele Organisationen tummeln; nicht zu leugnen ist ein krasser Mangel an Kooperation sowohl untereinander als auch zwischen den Verbänden oder Organisationen, die dieselben Ziele zugunsten anderer Behindertengruppen oder Senioren verfolgen. Ganz zu Recht meint Martin Näf, der SBV müsse ein gewisses Mass an Egoismus ablegen: Vor allem dahingehend, dass er sich stets als Klassenbester versteht.
Meiner persönlichen Meinung nach müsste sich der SBV auch zu einer Verschlankung durchringen. Denn seine Verwaltung ist in meinen Augen derart aufgebläht, dass sie in keinem Verhältnis mehr zu den tatsächlichen Aktivitäten steht. Diese bestehen ja hauptsächlich im Bereitstellen einer gewissen Anzahl von Dienstleistungen. Martin Näf spricht auch den Spendenmarkt an, der für Sehbehindertenorganisationen – letztlich vor allem aufgrund der Blinden – derzeit immer noch gut bestückt ist. Das Blatt kann sich dort jedoch sehr rasch wenden.


Zwei Faktoren möchte ich zusammenfassend zu diesem Punkt hervorheben:
Zum einen müsste der SBV nach dem Vorbild der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, die dies gerade im April 2010 getan hat, ernsthaft sein Programm überdenken, soweit es überhaupt bisher eines gab.
Zum anderen müsste er gemeinsam mit anderen Behindertenverbänden und Pro Senectute eine Front schaffen, die in unserem Land effektive politische Schlagkraft besitzt.


Emanzipation statt Ausbau der Ghettos


Unter dem Strich kommt Martin Näf zum Schluss, dass die Selbsthilfe tot und der SBV zum Dienstleister zu möglichst vorteilhaften Konditionen heruntergekommen ist.


Das ist in der Tat so. Und während manche Dienstleistungen (etwa Skikurse) natürlich Besonderheiten berücksichtigen müssen, gilt das nicht für andere: Insbesondere für Sprachkurse, bei denen der SBV sich auf eine logistische Unterstützung beschränken sollte.


Die von Martin Näf angesprochene Ghettoisierung wird aber meiner Meinung nach heute weniger negativ empfunden als früher einmal: Die Eigenständigkeit der Sehbehinderten, deren Einschränkung unterschiedlich ausgeprägt, oft jedoch noch relativ gemässigt ist, sowie der bei den meisten SBV-Mitgliedern vorhandene E-Mail-Anschluss halten die Isolation in Grenzen. Sie gestatten es jedem, praktisch zu jedem beliebigen Zeitpunkt mit anderen Kontakt aufzunehmen.


In unserem Defizit steckt Potenzial


Martin Näf spricht hier zunächst unser Selbstbild als Behinderte und unsere Vorstellung von Integration an. Was die Berufstätigkeit angeht, so beteuert der SBV seit Jahrzehnten, mit einer angemessenen Ausbildung und behindertengerechten Arbeitsplätzen könnten Sehbehinderte ebenso gut eine Erwerbstätigkeit ausüben wie Sehende. Eine solche Argumentation ergab Sinn, als es sich bei arbeitsuchenden SBV-Mitgliedern überwiegend um Blinde handelte, was die Dinge gewissermassen vereinfachte: Klarer definierte behindertengerechte Tätigkeiten und ggf. geringere berufliche Anforderungen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Situation jedoch grundlegend:
Das sehr unterschiedlich ausgeprägte Sehvermögen der SBV-Mitglieder spielt dabei eine Rolle. Denn es macht Vergleiche schwierig.
Die Einführung der Invalidenversicherung am 1. Januar 1960 sollte die Eingliederung von Behinderten ins Erwerbsleben fördern. Sie hat aber – ohne dies vertiefen zu wollen – in gewissen Fällen die Begeisterung der Behinderten für eine nicht immer allzu spannende Erwerbstätigkeit ebenso ausgebremst wie die Motivation der Arbeitgeber, solche Leute einzustellen. War keine Arbeitsstelle zu bekommen, wurde oft eine Rente gezahlt, was für das Leben der Betroffenen wiederum ganz andere Konsequenzen hatte.


Konsequenterweise müsste der SBV die Förderung der beruflichen Integration fallen lassen. Denn es ist nicht gesichert, dass es auch heute noch ihr zu verdanken ist, wenn Sehbehinderte eingestellt werden. Anstatt pauschal die berufliche Integration zu fördern, wäre es in der Tat klüger, bestimmte Aktivitäten herauszuheben, die Sehbehinderte besonders gut beherrschen (wie Jean-Marc Meyrat vor einigen Monaten in „der Weg“ Nr. 5/2009 schrieb, müssten hierzu vor allem die so genannten traditionellen Berufe wieder mehr betont werden).
Für Martin Näf, dessen Einschätzung der Situation ich voll und ganz teile, ist es der falsche Weg, wenn der SBV das Ideal propagiert, Blinde und Sehbehinderte könnten alles genauso gut und (fast) ebenso schnell wie ihre sehenden Kollegen. Mit solchen Äusserungen festigt der SBV die alten Denkmuster und Klischees, anstatt sie kritisch in Frage zu stellen. Vor allem müsste der SBV seinen Mitgliedern behilflich sein, ihre teilweise deutlich spürbaren Einschränkungen als Vorteil zu begreifen und sie in spannende und produktive Herausforderungen umzusetzen. Eine solche Einstellung zum Leben ist ganz sicher nicht trivial, sondern kann langfristig sehr fruchtbar sein. Ein Konzept wie dieses sollte künftig im Programm des SBV festgeschrieben sein.