Suche

Die Hackordnung der Minderwertigen. Über wertvolle und weniger wertvolle Behinderte und was wir in der Geschichte dazu lernen können

Behinderte gehörten mit zu den Opfern des Nationalsozialismus. Doch im Bemühen, ihre Haut und ihr Ansehen zu retten wurden Verbandsfunktionäre und Betroffene selbst oft zu besonders eifrigen DienerInnen der Ideologie ihrer Meister. Statt solidarisch mit allen Ausgegrenzten zu kämpfen distanzierte man sich von einander und versuchte, sein eigenes Schärflein ins Trockene zu bringen. Der folgende Text von Ernst Klee beschreibt die widersprüchliche und bis heute gern beschönigte situation an hand einiger Beispiele.



Unter dem Titel " Der blinde Fleck Wie Lehrer, Ärzte und Verbandsfunktionäre die "Gebrechlichen" der Verstümmelung und der Vernichtung auslieferten" erschienen in "die Zeit" Nr. 50 1995


Fritz Hartmann, von Geburt an blind, ist in der Nazizeit aufgewachsen. In seiner Umgebung wurde Hitler als Messias verehrt. Das Horst-Wessel-Lied ("Die Fahne hoch") konnte der Fritzel auswendig, sang es begeistert mit. Nur die Zeile "Der Tag für Freiheit und für Brot bricht an" wollte nicht über seine Lippen. Mit seiner ebenfalls blinden Schwester Else besuchte er die Blindenschule in Ilvesheim bei Mannheim. Dort paukten ihnen sehende Lehrer ein: "Ich bin geboren, deutsch zu fühlen, bin ganz auf deutsches Denken eingestellt . . ."


Deutsches Denken ließ sich im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 studieren. Das "Erbgesundheitsgesetz" legalisierte die Zwangssterilisierung von insgesamt 400 000 psychisch Kranken, Behinderten und "sozial Lästigen". Fritz Hartmann erinnert sich noch heute: "Ich hatte Angstträume und wunderte mich, daß die Lehrer und auch die Blinden so feige waren und nicht wenigstens sagten, ihr Nazis seid Schweine." Unter den Sterilisierten war auch die Freundin seiner Schwester: "Daß man dieses stille, gescheite Mädel, das im übrigen später mehr als fünfzig Jahre lang Organistin in ihrer Kirchengemeinde war, sterilisiert hat, das zeugte doch davon, daß das Schweine waren, die so etwas taten."


Hartmann ist nach eigener Einschätzung einer der wenigen Blinden, welche die Nazizeit nicht ausblenden. So erzählt er auch, daß er 1936 in den HJ-Bann B (Blinde) gekommen ist. Daß es blinde Hitlerjungen gab, wissen nicht einmal NS-Forscher. Krüppel-Funktionäre und Sonderpädagogen, manche sicher im Glauben, etwas Gutes zu tun, kämpften schon früh um die Aufnahme der "Gebrechlichen" in die HJ. Für Blinde, Gehörlose und Taubstumme wurde 1934 je ein "Sonderbann" zugelassen. Die Körperbehinderten folgten 1935.


Die Hilfsschüler durften erst 1936 das "Ehrenkleid des Führers" anlegen. Voraussetzung war das Bestehen der "Pimpfenprobe", die neben sportlichen Leistungen die Kenntnis etwa des Horst-Wessel- und des HJ-Fahnen-Liedes verlangte. Der Bann K (Körperbehinderte) wurde bereits 1937 wieder aufgelöst.


Am eifrigsten betrieben Lehrer der Staatlichen Blindenanstalt Berlin-Steglitz die Aufnahme der "Lichtlosen" in die HJ. Einer von ihnen war Hellmuth Söllinger, SA-Mann seit 1928, ein, wie er sich selbst rühmte, "alter Nationalsozialist und junger Blindenlehrer". Schon in den ersten Wochen der NS-Herrschaft, im Februar 1933, war in der ältesten deutschen Blindenschule die blinde HJ gegründet worden. Wenige Monate später, im Dezember 1933, erschien der Weckruf, der sich im Untertitel Mitteilungsblatt für die Hitler-Jugend aller deutschen Blindenanstalten nannte. Das Blatt wurde in Punktschrift gedruckt, mußte aber zwecks Zensur in Schwarzschrift übersetzt werden. 1934 wurde das Steglitzer Blindenblatt zum amtlichen Organ der Reichsjugendführung für die blinde Hitlerjugend (Zeitschrift für die national-sozialistische blinde Jugend).


Sonderschulrektor Uwe Benke ("Wie blind ist die blinde Hitlerjugend?") hat die Geschichte der Steglitzer Blinden-HJ aufgearbeitet. Zwei Photos aus dem Anstaltsalltag erscheinen geradezu makaber: Die eine Aufnahme zeigt blinde Mädchen, die im Rassekundeunterricht sogenannte Rasseköpfe ("Neger") betasten. Das andere Bild zeigt blinde HJ-Angehörige, die mit leerem Blick den Hitlergruß üben. Die "Lichtlosen" durften Uniform tragen, mußten aber die HJ-Armbinde durch die Blindenbinde (drei schwarze Kreise auf gelbem Tuch) ersetzen. Blinde mit schweren körperlichen Gebrechen durften das braune "Ehrenkleid" zwar anziehen, aber das Anstaltsgelände nicht verlassen. Schwachsinnigen Blinden war die Aufnahme in die HJ grundsätzlich versagt. Ein Pädagoge: "Jungen, die rechtsum und linksum nie lernen, kann die HJ nicht gebrauchen . . . Der Hitlerjunge in seiner schmucken Uniform darf in seinem Gesicht keine Züge geistiger Verblödung tragen."


Ein Blinder erkannte schon früh die braune Gefahr: Rudolf Kraemer, der dank reicher Eltern eine allgemeine Schule besucht und in Jura und Philosophie promoviert hatte. Im Februar 1933 erschien seine Schrift "Kritik der Eugenik vom Standpunkt des Betroffenen". Hellsichtig warnte Kraemer davor, "nur aus Gründen der Nützlichkeit dem höchsten Rechtsgut, dem Leben", den Schutz zu entziehen.


Der Marburger Ordinarius für Hygiene, Professor Wilhelm Pfannenstiel, konterte in den Beiträgen zum Blindenwesen, der nationalsozialistische Staat habe durchaus das Recht, "zur Gesundung des Volksganzen unbrauchbare Elemente auszumerzen". Pfannenstiel wurde SS-Standartenführer und beratender Hygieniker der SS. Im August 1942 begaffte er im Vernichtungslager Belzec die Vergasung der Juden durch ein Guckloch. Der blinde Rudolf Kraemer starb im Juli 1945 gebrochenen Herzens. Der verblendete Pfannenstiel lobte in einer Zeugenaussage noch 1960 die "sauberen sanitären Einrichtungen" der Mordstätte.


Die NS-Zeit blieb unter den Blinden lange tabu. Erst 1986 erschien im Buchhandel eine Doktorarbeit über "Blindheit und Eugenik". Verfasser ist der Psychiater Gabriel Richter, der durch seinen kriegsblinden Schwiegervater auf das Thema gekommen war. Richter wurde massiv angegriffen, weil ausgerechnet ein Sehender den blinden Fleck in der Vergangenheit thematisiert hatte.


Die heftige Reaktion läßt sich erklären: Willfährig hatten 1933 die (gleichgeschalteten) Behindertenverbände das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses begrüßt. So beteuerte der Verein der blinden Akademiker, das Sterilisierungsgesetz um der Zukunft des deutschen Volkes willen "rückhaltlos" anzuerkennen. Blinde sollten "dieses Opfer in innerer Freiheit" bringen. Carl Strehl, Begründer der Vereinigung der blinden Akademiker und der Marburger Blindenstudienanstalt, schlug sogar vor, Blinde als Gutachter an den Sterilisierungsgerichten einzusetzen: "Durch dieses Verfahren würde den betroffenen Blinden ein Teil ihres unberechtigten Mißtrauens genommen."


Bis heute hält sich die Legende, den Blinden sei im "Dritten Reich" nichts geschehen. Doch in den Akten der Psychiatrie im fränkischen Ansbach, die eine regelrechte Tötungsabteilung hatte, finden sich Eintragungen über "verstorbene" Kinder: "(blind!) lacht bei Besuch der Mutter" oder: "(blind!), gutmütig, zufrieden". In der hessischen Mordanstalt Hadamar (nahe Limburg) sind 1944 fünf Insassen der Blinden-Anstalt Frankfurt am Main getötet worden. Bei fast allen, so die Auskunft der Gedenkstätte Hadamar, lautete die Diagnose: "Außer mit Blindheit mit keiner Krankheit behaftet".


Die Blinden starben etwa zwei Wochen nach ihrer Einlieferung. Am längsten, nämlich fast vier Wochen, überlebte ein blinder Arbeiter mit der schwammigen Diagnose: "ein gewisser Grad von Imbezillität". Der graduell Schwachsinnige hatte von 1934 bis 1942 in der Frankfurter Blinden-Anstalt gelebt und als Mattenflechter gearbeitet. 1942 war er in die Anstalt Eichberg bei Wiesbaden gekommen, die in der Bevölkerung als Mordstätte verschrien war. Verzweifelt bat der Mattenflechter die Blinden-Anstalt um eine Rückverlegung. Die Frankfurter Anstalt informierte daraufhin die Eichberger Psychiatrie: "Er gibt an, daß ihm das Leben in der Landesheilanstalt Eichberg unerträglich sei. Solange W. in unserer Anstalt war, hat er uns ständig Schwierigkeiten bereitet . . . Ich bitte hiermit, dem Obengenannten eröffnen zu wollen, daß wir ihn auf keinen Fall in unser Heim zurücknehmen." Der Blinde wird am 12. November 1944 nach Hadamar verlegt, sein Tod am 14. Dezember 1944 beurkundet.


In der Hackordnung der "Minderwertigen" rangierten die Hörbehinderten hinter den Blinden. Es gab Gehörlose, die der NSDAP beitraten, weil sie hofften, als Parteigenosse der Sterilisierung zu entgehen. Die "Gehörgebrechlichen" fanden in ihrer Verzweiflung kaum Beistand. Eine Berliner Fürsorgerin des Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschland e.V. meldete beispielsweise eine 25jährige Taube beim Erbgesundheitsgericht zur Sterilisierung. "Als Fürsorgerin des Reichsverbandes, die zugleich auch Parteigenossin ist", denunzierte sie die verheiratete Frau: "Sie soll versuchen, um den Eingriff herumzukommen, indem sie angibt, daß sie nicht erbtaub ist."


Der Reichsverband der evangelischen Taubstummen-Seelsorger Deutschlands forderte in einem Aufruf sogar von seinen Schützlingen: "Denke an die Zukunft Deines Volkes und bringe dieses Opfer." Der Ratschlag der Pastoren: "Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Eine der wenigen, die wenigstens einmal Anteilnahme erlebte, ist die gehörlose Fanny Mikus. Sie wurde trotz Sterilisierung schwanger, mußte ihr Kind abtreiben lassen. Ihr Widerstand wurde mit ärztlicher Brachialgewalt gebrochen. Nach der Operation weinten Krankenschwestern an ihrem Bett. Der Kommentar einer der Schwestern: "Hitler spinnt."


Niemand hat das Leid der Gehörlosen und die Liebedienerei der Funktionäre intensiver erforscht als der Bremer Gehörlosenlehrer Horst Biesold. Sein Buch "Klagende Hände" ist 1988 erschienen, seitdem fühlt er sich geächtet. Die Paulinenpflege im württembergischen Winnenden öffnete Biesold allerdings ihr Archiv. In dieser Einrichtung der Inneren Mission hatte sich Parteigenosse Pastor Müller als Rassenpfleger betätigt. So drängte er 1939 das Erbgesundheitsgericht in Stuttgart, das abschließende Urteil über eine vierzehnjährige Gehörlose zu schicken: "Ich bitte um baldige Zusendung des Endgültigkeitszeugnisses, damit die Unfruchtbarmachung noch möglichst zeitig vor der Konfirmation durchgeführt werden kann."


Aus der Paulinenpflege wurden 1941 sieben Bewohner zur Vergasung in Hadamar abgeholt. Aus der Taubstummen- und Fürsorgeanstalt der Ziegler'schen Anstalten in Wilhelmsdorf (Kreis Ravensburg) wurden siebzehn Zöglinge abtransportiert. Vergebens hatte Heimleiter Heinrich Hermann eingewandt, die Taubstummen könnten zwar "nicht in der Welt draußen ihr eigenes Brot verdienen", leisteten aber wirklich nützliche Arbeit. Einer kehrte später zurück, die anderen starben in der Gaskammer von Hadamar.


Die als "minderwertig" Gebrandmarkten durften kein Mitgefühl und schon gar keine Solidarität erwarten. So diffamierten sie ihrerseits andere: Die "Kriegsblinden" gingen in der Sterilisierungsdebatte schon 1933 auf Distanz zu den "Zivilblinden": "Uns . . . geht diese Streitfrage nur sehr wenig an", heißt es in der Zeitschrift Der Kriegsblinde. Denn: "Kriegserblindung ist kein Erbübel."


Die Sehschwachen distanzierten sich wiederum von den Blinden, die Schwerhörigen von den Gehörlosen. So wurde 1936 eine eigene Schwerhörigen-HJ gegründet. Im Hörbehindertenblatt Der Kämpfer, das sich im Untertitel Deutsche Zeitschrift für Schwerhörige und Ertaubte nannte, hatte schon 1934 eine Betroffene den Nachweis zu führen versucht, Schwerhörige seien bessere Nazis: "Der Nationalsozialismus soll aus der Tiefe erfaßt werden . . . In dieser Hinsicht ist aber der Schwerhörige dem Guthörenden oft weit voraus."


Auch taube Gehörlosenfunktionäre arbeiteten den Nazis zu. Einer von ihnen war Fritz Albreghs, Reichsbundesleiter des Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschlands, der sich in NS-Uniform auf einer Postkarte verewigen ließ. Im Kämpfer bezichtigte sich 1934 ein Hörgeschädigter, er sei für die "Qualität des Volksbestandes" untragbar und habe sich deshalb sterilisieren lassen. Die gehörlose Emilie Klüsener-Esch, 1932 der NS-Frauenschaft beigetreten, ließ sich freiwillig sterilisieren, obwohl sie, so Biesold in seinem Buch "Klagende Hände", aus einer "erbgesunden" Familie stammte. Gabriel Richter fand im Archiv der Marburger Blindenstudienanstalt die Selbstanpreisung einer sterilisierten Schülerin ("Ich trage für euch das Mutfähnlein"). Die Blinde: "Wer ist so verroht, daß er sein Leid in seinem Kinde wiederholt sehen möchte?"


Die jüdischen Behinderten wurden schon früh verstoßen. Im Juli 1933 führte der Verein der blinden Akademiker den Arierparagraphen ein, wonach Juden nicht Mitglieder sein können. Über das Schicksal dieser Blinden ist wenig bekannt. Einer, Ludwig Cohn aus Breslau, wurde 1933 als Blindenpfleger gefeuert: Ein jüdischer Blinder, hieß es zur Begründung, dürfe keine arischen Blinden betreuen. Cohn kam 1942 ins Ghetto Theresienstadt, wo damals etwa 1200 Blinde zusammengepfercht lebten. Sie wurden nach und nach in Vernichtungslager wie Belzec oder Treblinka abtransportiert.


1991 gaben die blinden Akademiker (Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf) das Buch "Blinde unterm Hakenkreuz" heraus. Der Band enthält die Schilderung des pensionierten Bundesrichters Hans-Eugen Schulze: "Ich hätte viel darum gegeben", schrieb er, "nach 1945 noch einmal einer sehenden Jüdin zu begegnen, die ich . . . um Hilfe gebeten hatte: Sie wäre dazu bereit gewesen, sagte mir aber pflichtgemäß, daß sie den Judenstern trage - und ich hatte nicht etwa geantwortet, das mache mir gar nichts, sondern hatte mich erschrocken bei ihr entschuldigt und auf ihre Hilfe verzichtet."


Gegen die Nöte der Juden waren auch die Gehörlosenfunktionäre taub. Der selbst gehörlose Werner Thomas, Vereinsführer des Berliner Gehörlosen-Sportvereins, bedrohte 1937 die "lieben Jungkameraden" mit Ausschluß, falls sie nicht in die HJ gingen. Im Nachrichtenblatt des Gehörlosen-Sportvereins schrieb er: "Erwin Stemmler hat am 24. April seinen Austritt . . . erklärt, um seine intimen Beziehungen zu den Juden aufrecht halten zu können."


Die Bekanntmachung endet mit der Aufforderung: "Hände weg von dem Judenfreund!" Der gehörlose Stemmler versuchte sich zu rechtfertigen, wurde aber von Vereinsdienstwart Fritz Mehle belehrt: "Ihre Meinung, daß die gemeinte Person kein Jude ist, ist irrig." Der Vereinsdienstwart weiter: "Einen Brief, den Sie zum Schutz eines Judenstämmlings schreiben, dürfen Sie jedenfalls niemals mit Heil Hitler unterschreiben . . ."


Zu den Funktionären, die Gehörlosen in schlechter Erinnerung geblieben sind, gehört der Direktor der Taubstummenanstalt Heidelberg. Er machte nach 1945 einfach weiter: "Die Trümmer sind gesichtet. Schart taube Kinder um euch, entzündet ihre Seelchen", textete er 1946 in der Zeitschrift Neue Blätter für Taubstummenbildung. Ein ehemaliger Schüler warf ihm 1960 vor: "Sie ließen mich sterilisieren . . . und kaputt machen, weil ich kein Kind bekommen kann." Die Antwort: "Lieber keine Kinder als ein blindes, ein taubes oder ein epileptisches. Du warst schon als Bub oft unzufrieden."


Auch die "Heilpädagogen", die sich den "Geistesgebrechlichen" so überlegen dünkten, sollten sich als willfährige Helfer der Nazis erweisen. Obermedizinalrat Ewald Meltzer, der in der Literatur als Widerstandskämpfer abgehandelt wird, war Präsident des Vereins für Erziehung, Unterricht und Pflege Geistesschwacher und zugleich Leiter der Diakonieeinrichtung im sächsischen Großhennersdorf. 1927, auf der Jahrestagung des Vereins, verwarf Meltzer Gewalteingriffe gegen das Leben der "Geisteskrüppel", solange (!) kein absoluter Notstand der Geistesgesunden dazu zwinge. 1929 verkündete er in seiner Festrede, ohne Sterilisierung der Hilfssch üler und Anstaltsinsassen drohe die "Verköderung" des deutschen Menschen. 1931 fordert Meltzer in der Zeitschrift für die Behandlung Anomaler: "Der normalbegabte Teil des Volkes muß sich . . . in Abwehrfront gegen die Minusvariante stellen." Die Mitglieder des Vereins zur Pflege Geistesschwacher (Hilfsschullehrer, Rektoren, evangelische wie katholische Geistliche) haben ihre Pfleglinge schon vor 1933 als "Untermenschen", "Unkraut" und "Minusvariante" verraten.


Die Nazis erfüllten alle Forderungen. "Die Hilfsschule entlastet die Volksschule", hieß es 1938 in einer Allgemeinen Anordnung in Preußen, "damit ihre Kräfte ungehemmt der Erziehung der gesunden deutschen Jugend dienen können." Zwei Jahre später faßt Karl Tornow, Schriftleiter der Zeitschrift Die Deutsche Sonderschule, die Aufgaben der "Völkischen Sonderpädagogik" so zusammen: "Auswahl, Auslese, Aussonderung".


Hilfsschullehrer durchforsteten mit detektivischem Eifer Familiengeschichten nach Erbkranken, Alkoholikern und sozial Auffälligen, um ihre Schüler den Erbgesundheitsgerichten auszuliefern. Es gab Sonderschulpädagogen, die sich gerne als Beisitzer, als Sterilisationsrichter, betätigt hätten. Die Opfer sollten für ihre Verstümmelung sogar noch dankbar sein: "An den Sonderschullehrern liegt es mit", schrieb 1936 der Dresdner Gehörlosenlehrer Herbert Weinert in der Zeitschrift Die Deutsche Sonderschule, "ob die künftigen Sterilisierten zu Werbern für die Sache werden."


Die Hilfsschüler galten als rassisch unbrauchbar, ihre Arbeitskraft sollte aber genutzt werden. Von jedem Schüler wurde eine Gesundheitsakte angelegt, um, so der Berliner Hilfsschulrektor Wiemann 1936, "nähere Einzelheiten über den wirtschaftlichen Ansatzwert unserer Kinder zu erhalten". Für den Militärdienst taugten die Depperten allemal: 1938 wurden in Duisburg achtzig Prozent aller Hilfsschüler zur Wehrmacht einberufen. Als 1942 viele Hilfsschüler aus Hamburg- Altona bei der HJ abgelehnt wurden, protestierte der Schulleiter: "Hunderte von meinen früheren Schülern stehen heute als Soldaten an allen Fronten . . . und haben auch das größte und letzte Opfer gebracht, ihr Leben."


Welchen Lehrern die Schüler ausgeliefert waren, zeigen Auszüge aus Schülerakten der Bayreuther Hilfsschule. Selbst Wohlverhalten nutzte nichts: "Die Schülerin gab zu keinen Klagen Anlaß", heißt es da, "doch suchte sie damit ihren wahren Charakter zu verbergen." Das Lehrer-Urteil: "Fortpflanzung ist unerwünscht." In einem anderen Fall meinte der Lehrer, "sich mit Material abgeben zu müssen, das nicht für das Leben gewonnen werden kann, kann niemals die Aufgabe unserer Hilfsschule sein".


Der achtjährige Georg, Sohn eines Sägewerkarbeiters, kam in der Schule nicht mit. Der Hauptgrund liege, schreibt sein Lehrer, "in der anormalen Veranlagung des Schülers". Bei der geringsten körperlichen Bestrafung mache er taumelnde Bewegungen, "die auf eine Nervenüberreizung schließen lassen. Letztere dürfte damit zusammenhängen, daß (er) onaniert."


Georg kommt in die Hilfsschule. Der dortige Klassenlehrer fällt ein ähnliches Urteil: "Das Betragen des Schülers ließ alles zu wünschen übrig. Er wurde sogar rebellisch und weigerte sich fast regelmäßig, Strafen an sich vollziehen zu lassen." Es folgt ein Antrag auf Entfernung aus der Hilfsschule. "Seine Verfehlungen und sein ganzes Verhalten", meint der Klassenlehrer, "zeigen moralische und sittliche Defekte so schwerer Art, die, vereint mit seiner Schlauheit und Raffinesse, H. zu einem gemeingefährlichen Subjekt stempeln."


Die Akten enthalten Vordrucke des Verbandes der Hilfsschulen Deutschlands ("Streng vertraulich! Nicht zur Veröffentlichung bestimmt!"). Das Formular enthält eine Rubrik, die über Leben und Tod der Hilfsschüler entschied: "soziale Brauchbarkeit". Wer nicht als sozial brauchbar befunden wurde, kam in eine Anstalt, zum Beispiel nach Ansbach in die Psychiatrie, wo die Kinder "erlöst" wurden. Die zuständige Oberärztin, Frau Asam-Bruckmüller, wurde von den Alliierten nach Kriegsende amtsenthoben und später Obermedizinalrätin beim Gesundheitsamt Schwabach.


Die Unheilpädagogen der NS-Zeit aber lehrten die Nachwelt, sie seien im Widerstand gewesen.


Gefunden (leider ohne weitere Quellenangaben) am 22. September 2012 auf:
http://www.zeit.de/1995/50/Der_blinde_Fleck_Wie_Lehrer_Aerzte_und_Verbandsfunktionaere