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Die Misere des SBV als Misere der nicht vorhandenen Behindertenbewegung

Der schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) ist die grösste Selbsthilfeorganisation blinder und sehbehinderter Menschen in der Schweiz. Er war einmal die treibende Kraft im Kampf um ein selbstbestimmtes Leben und die gesellschaftliche und berufliche Integration sehbehinderter Menschen. Heute wird er allerdings mehr und mehr als kraftloser Koloss wahrgenommen, von dem kaum noch emanzipatorische Impulse ausgehen. Das müsste nicht so sein meint Martin Näf, dessen im Januar 2010 aus aktuellem Anlass in der Zeitschrift des Verbandes veröffentlichte Kritik am SBV zugleich als Manifest einer neuen Behindertenbewegung gelesen werden kann.



Wieder einmal hat der SBV seine Mitglieder gefragt, was sie von ihrem Verband halten und was sie in Zukunft von ihm erwarten. Die Frage hat mich zum Nachdenken angeregt, und ich möchte hier drei Dinge zur Diskussion stellen, die mich besonders beschäftigen, wenn ich an “unsern” Verband denke.


Zusammenarbeit statt Vereinsmeierei


Vor rund hundert Jahren hat sich die Blindenselbsthilfe von der bis dahin üblichen Fürsorge frei gemacht. Die Gründung des SBV war ein wesentlicher Schritt in Richtung Emanzipation. Man wollte sein Schicksal selbst in die Hände nehmen.
Heute haben wir im Schweizer Sehbehindertenwesen eine Unzahl grosser und kleiner Organisationen, die sich um Sehbehinderte und Blinde streiten. Alle werben auf dem selben Spendenmarkt für ihre Organisation und alle buhlen um Anerkennung durch das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV).
In manchen Orten gibt es zwei oder drei Beratungsstellen für Sehbehinderte. Zum Teil haben sie sich jahrelang bekämpft und tun es noch heute. Auf Drängen des Bundesamtes haben die verschiedenen Organisationen im schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenwesen in den letzten Jahren zwar begonnen, enger zusammenzuarbeiten, doch von einer wirklichen Bündelung der Kräfte zu Gunsten der behinderten Menschen sind wir noch weit entfernt. Genau dies aber müsste unbedingt geschehen, wenn das Blinden- und Sehbehindertenwesen die zur Verfügung stehenden Mittel effizient soll nutzen können.
Damit es zu der nötigen Bündelung der Kräfte kommen kann, muss sich auch der SBV noch entschiedener von seinem Verbandsegoismus verabschieden, als er es bis anhin getan hat. Er muss die diesbezüglichen Entwicklungen nicht nur als unvermeidlich hinnehmen, sondern sie engagiert vorantreiben. So gesehen ist die Wiedervereinigung des schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes mit dem Schweizerischen Blindenbund ein längst fälliges Thema.


Emanzipation statt Ausbau des Ghettos


Ein zweites Thema, das mich beschäftigt, ist das Phänomen, dass der SBV wie jede andere Organisation dazu neigt, die Menschen, denen er ursprünglich helfen wollte, im Laufe der Zeit mehr und mehr in Statisten und Statistinnen zu verwandeln. Diese Menschen sind dann vor allem dazu da, den Interessen ihrer Organisation zu dienen und ihren Fortbestand zu gewährleisten. Im Alltag des SBV zeigt sich dies beispielsweise dort, wo es darum geht, Kurse zu füllen oder die Auslastung von Ateliers zu gewährleisten. Der SBV wirbt selbstverständlich für seine Produkte. Dahinter steht aber nicht allein der Glaube an die Qualität der eigenen Angebote, sondern auch ein auf Franken und Rappen bezifferbarer materieller Druck. Man hat investiert und Strukturen aufgebaut. Diese müssen benützt und amortisiert werden, auch wenn man feststellen würde, dass durch eben diese Angebote die Ghettoisierung vieler Blinder und Sehbehinderter gefördert statt abgebaut wird.
Ich bin mir bewusst, dass es ein Spagat ist, den der SBV hier zu leisten hat. Denn in vielen Fällen sind die Spezialangebote durchaus sinnvoll und nützlich. Doch ein Behindertenverband, dem es mit den Worten Selbsthilfe, Emanzipation und Integration ernst ist, muss sich die Frage gefallen lassen, weshalb er einen Grossteil seiner finanziellen und personellen Mittel für das Betreiben eines eigenen Hotels, eigener Ateliers, eigener Tanz-, Sprachoder Skikurse investiert. Stattdessen könnte er sehbehinderten Menschen durch geeignete Massnahmen dabei helfen, sich öfter in die Welt der sogenannt Nichtbehinderten hinauszuwagen und dort einen Tanz- oder Sprachkurs zu besuchen. Spezialangebote sind notwendige Schutzräume, doch gerade für eine Selbsthilfeorganisation im Stil des SBV dürfen sie nicht zum Normalfall werden!


In unserem Defizit steckt Potential!


Ein drittes Thema, das mir im Hinblick auf die Zukunft des SBV wichtig ist, ist unser Selbstverständnis als behinderte Menschen und unser Verständnis von Integration. Seit hundert Jahren hat der SBV die Gesellschaft zu überzeugen versucht, dass blinde und sehbehinderte Menschen bei guter Ausbildung und angemessener Gestaltung des Arbeitsplatzes im Leben genauso ihre Frau oder ihren Mann stehen können, wie Sehende. Blinde und Sehbehinderte wollten als Gleiche unter Gleichen gelten. Sie wollten gleiche Chancen und Möglichkeiten. Behinderte Menschen wollten wie nichtbehinderte behandelt werden. Sie wollten nicht mehr von der Gnade Sehender abhängig sein und am Rande einer Gesellschaft leben, die seit dem Beginn der Industrialisierung vor bald 200 Jahren immer mehr auf Schnelligkeit, Effizienz und Unabhängigkeit gesetzt hat. Wir Sehbehinderten und Blinden haben alles getan, um den Normen der Gesellschaft zu entsprechen. Von ihnen abzuweichen wäre gefährlich gewesen. Wir wären wieder zu Bettlerinnen und Almosenempfängern geworden.
Inzwischen stellen jedoch mehr und mehr Menschen fest, wie negativ sich die dauernde Steigerung unserer Produktivität und Effizienz auf uns und unseren Planeten auswirkt. Gleichzeitig wächst unser Gefühl dafür, wie wichtig Qualitäten wie Rücksichtnahme, Behutsamkeit oder die Fähigkeit, um Hilfe bitten zu können, für das Funktionieren einer Gesellschaft und das Wohlergehen all ihrer Mitglieder sind.
Behinderte Menschen leiden oft früher und stärker als andere unter den Erwartungen der modernen Leistungsgesellschaft. Gleichzeitig haben sie sehr oft überdurchschnittlich viel Erfahrung im Umgang mit Langsamkeit, Abhängigkeit, Begrenztheit und all den Eigenschaften, mit denen sich unsere Kultur nach wie vor schwer tut. Leider setzt der SBV im Umgang mit der Öffentlichkeit und mit seinen Mitgliedern trotz der veränderten gesellschaftlichen Grosswetterlage noch immer vor allem auf das Ideal des Blinden oder Sehbehinderten, der alles genauso gut und (fast) ebenso schnell kann wie seine sehenden Kollegen und Kolleginnen. Damit festigt er alte Denkmuster und Klischees statt diese kritisch in Frage zu stellen und uns darin zu unterstützen, unsere scheinbaren Mängel nicht nur zu beklagen, sondern sie auch als spannende und produktive Herausforderungen zu begreifen. Kurse könnten bei dieser Arbeit helfen, aber beispielsweise auch ein beim SBV erhältliches T-Shirt, auf dessen Vorderseite steht: “nur wer um Hilfe bitten kann” und hinten: “ist wirklich stark!”. Oder wie wäre es mit einer grossen Kampagne zum Thema “lass uns langsam sein, damit wir schneller ankommen”?


Ich wünsche mir also einen weniger angepassten, weniger zur blossen Geldbeschaffungs- und Unterhaltungsmaschine degenerierten SBV. Ich wünsche mir einen politischeren, frecheren SBV, in dem kontroverse Diskussionen über das Selbstmitleid und die Konsumhaltung von Behinderten ebenso Platz haben wie Diskussionen über die Vor- und Nachteile der zunehmenden Spezialisierung und Professionalisierung im Behindertenwesen oder darüber, was die Welt von behinderten Menschen lernen kann.


Der Beitrag erschien erstmals in "der Weg" Nr. 1, 2010 unter dem Titel "Perspektiven für den SBV".


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