Suche

Womit sehen wir?

In diesem Essay beschreibt der Paläobiologe Simon Conway Morris Tiere, die mit den Ohren oder mit der Nase "sehen". Davon ausgehend entwickelt er die Vision einer universellen Theorie aller Sinne.



Die Nacht bricht an. Das Licht schwindet. Und uns bleibt nur, die Augen wachsam ins sich verdichtende Dunkel zu richten. Für andere Bewohner dieser Dämmerwelt aber ist Dunkelheit kein Hindernis. Auch im Stockfinstern stolpern sie nie, nie stoßen sie zusammen, nie biegen sie falsch ab. Es sind Geschöpfe, die mit beinah unheimlicher Präzision navigieren. Am bekanntesten sind wohl die Fledermäuse, Experten für Ultraschall und Echoortung, die auf ihren nächtlichen Beutezügen im Zickzack um die Bäume huschen. Wie entsetzt waren die Militärs, die im Ersten Weltkrieg das Sonar erfunden hatten, als die Biologen ihnen wenig später offenbarten, dass Fledermäuse genau diesen Mechanismus auf weitaus raffiniertere Weise zu nutzen wissen: Offensichtlich waren diese Nachttiere der menschlichen Technologie um Jahrmillionen zuvorgekommen.


Zonen der Dunkelheit gibt es nicht nur bei Nacht. In den Flüssen Afrikas und Südamerikas ist das Wasser oft extrem trübe, Schwebstoffe oder organische Partikel färben das Wasser buchstäblich schwarz. Hier schwimmen einige sehr bemerkenswerte Fische herum. In Afrika kennt man sie als Elefantenfische, eine Anspielung auf ihren Rüssel, mit dem sie im Schlamm nach kleinen Beutetieren wühlen. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Mormyridae, der ihres südamerikanischen Gegenstücks Gymnotidae. Unabhängig voneinander, und doch erstaunlich ähnlich, haben beide Fischgruppen die Fähigkeit entwickelt, ein elektrisches Feld zu generieren und wahrzunehmen. Sie leben faktisch in einer elektrischen Welt, umschwimmen selbst im dunkelsten Gewässer mühelos alle Hindernisse und kommunizieren auch mit Artgenossen.


Beide, die Fledermäuse und die Elefantenfische, haben erfolgreich das Reich der Dunkelheit erobert und bemerkenswert empfindliche Sinne entwickelt. Aus unserer Sicht lassen sich schwerlich fremdere Welten vorstellen. Und obwohl wir vage nachempfinden mögen, wie es wäre, echoorten zu können - manch ein Blinder nutzt das Echo als wichtiges Signal -, handelt es sich in Wirklichkeit auch bei den Fledermäusen um einen Sinneskanal, der fast ebenso fremdartig ist wie jener der elektrischen Fische. In einem berühmten Essay von 1974 fragte der Philosoph Thomas Nagel, wie es wohl sei, eine Fledermaus zu sein. Dazu reiche es keineswegs zu schrumpfen, sich ledrige Flügel wachsen zu lassen und mit dem Kopf nach unten in einer Höhle zu hängen. Das Wesen der Fledermaus, so Nagel, würde trotzdem für immer undurchsichtig und unerkennbar bleiben. Denn diese Tiere lebten in einer Welt, die unsere Vorstellung sprengt. Beide, Mensch und Fledermaus, mögen ein Bewusstsein haben, doch sie bleiben getrennt durch Abgründe mentaler - und wechselseitiger - Unbegreiflichkeit.


Jenes ist eine sehr einsame Ansicht vom Leben - aber vielleicht stehen wir an der Schwelle zu einer radikalen Neubewertung. Vielleicht sind die Unterschiede gar nicht so tief greifend wie gedacht, vielleicht sind sie im Gegenteil geradezu oberflächlich? Könnte es nicht sein, dass sich die außerordentliche Vielfalt sensorischer Systeme auf ein paar weitgehend unbeachtete Gemeinsamkeiten stützt? Sollte dies stimmen, dann könnte es eine gemeinschaftliche Wesensart offenbaren, nicht nur hier auf Erden, sondern potenziell überall im Universum, wo empfindungsfähiges Leben gedeihen kann.


Das mag kühn klingen, doch lassen Sie uns einige der Indizien betrachten. Was könnte unterschiedlicher sein als Mensch und Mücke? Trotzdem können beide sehen, wir durch ein Linsen-, die Mücke durch ein Facettenauge. Beide können hören und riechen. Wiederum sind die verantwortlichen Organe völlig verschieden, interessanterweise aber gleichen sich die grundlegenden neurologischen Mechanismen und die damit verbundenen sensorischen Verarbeitungsprozesse. Von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehend, haben sich Insekten und Menschen auf die gleiche grundsätzliche Lösung hin entwickelt. Das mag uns zwar vertrauter erscheinen als die fremdartigen Welten der Echoortung oder Elektrorezeption, doch immerhin ist es ein Hinweis darauf, dass die Sinne denkbar verschiedener Lebewesen dieselbe Welt ergründen.


Was das Olfaktorische betrifft, so deutet allein der Besitz einer Nase auf tief liegendes sensorisches Gemeingut. Doch wie weit zurück reichen die Wurzeln? Hier stützt das Studium einer bemerkenswert andersartigen Nase die Vorstellung von einer universellen sensorischen Architektur. Ich rede vom Sternmull, einem Bewohner nasser, sumpfiger Gegenden im Osten Nordamerikas. Seine Nasenspitze besteht aus einer Reihe beweglicher Fortsätze, die ausnehmend empfindlich auf Berührung reagieren. Es zeigt sich, dass der gesamte neurologische Aufbau demjenigen des Auges ähnelt. Wir haben hier also einen Maulwurf vor uns, der mit der Nase "sieht". Natürlich nicht, um ein visuelles Bild zu erzeugen, doch besteht der starke Verdacht, dass im Gehirn eines Sternmulls ein "Bild" entsteht.


Ganz ähnlich bei der Fledermaus: Durch räumliches und zeitliches Verrechnen der Echos "sieht" sie offenbar ein akustisches Bild. Der Gedanke, dass ein Maulwurf durch seinen Tastsinn, eine Fledermaus durch ihr Gehör die Außenwelt "sehen" können, mag zunächst phantastisch klingen. Vergessen wir aber nicht, dass auch wir die Welt nur durch eine äußerst komplexe Aufbereitung unseres Gesichtssinnes "sehen" können. Hier beginnt sich das Rätsel unseres Bewusstseins abzuzeichnen: Wie reflektieren diese elektrischen Signale via Auge, Nase oder Ohr die äußere Wirklichkeit?


Es gibt zwei verblüffende Befunde, die helfen, diese tiefgründige Frage zu beantworten. Erstens deutet es sich an, dass die Gehirne so unterschiedlicher Tiere wie Fisch, Eule und Mensch bei der Aufbereitung völlig verschiedener sensorischer Daten dieselben Rechenregeln verwenden. Zweitens mehren sich die Indizien für die Vernetzung verschiedener Sinnesfunktionen. Wir neigen dazu, unsere Sinne isoliert zu betrachten, faktisch jedoch lassen sich alle möglichen sensorischen Verknüpfungen nachweisen. Das menschliche Gehirn beispielsweise ist nicht nur zu audiovisueller und taktilvisueller Integration fähig, sondern hat überraschenderweise auch eine olfaktorisch-visuelle Querverbindung.


Noch interessanter sind Tiere mit zwei eigenständigen, gleichermaßen hoch entwickelten sensorischen Systemen. Ein wunderbares Beispiel liefern die Delfine. Ihre Sehkraft ist gut entwickelt, doch unabhängig von den Fledermäusen haben sie auch ein System für Echoortung entwickelt. Das entsprechende Sinnesorgan ist so empfindlich, dass ein Delfin mit verbundenen Augen fähig ist, einzelne Objekte zu erkennen.


Faszinierenderweise existieren Beweise für eine tief verankerte Äquivalenz beider völlig ungleicher Sinnesfunktionen: Sehen und Echoortung des Delfins sind in etwa gleichwertig und miteinander vernetzt. Delfine sind berühmt für ihre Intelligenz, und es ist verführerisch, sich zu fragen, ob es unter anderem daran liegt, dass sie nicht nur in einer komplexen sozialen, sondern auch in einer reichen sensorischen Welt leben.


Es ist noch offen, wie weit verbreitet diese sensorischen Vernetzungen im Tierreich sind. Experimente mit Frettchen beispielsweise zeigen, dass der für das Hören zuständige Teil des Gehirns sich neu verdrahtet und eine visuelle Funktion übernehmen kann. Offenkundig sehen Frettchen, deren Sehbahn auf den akustischen Kortex umgeleitet wurde, nach wie vor - nur eben mit einem sonst fürs Hören zuständigen Hirnabschnitt.


Wenn aber die verschiedenen Sinneskanäle so austauschbar zu sein scheinen, wenn die Verarbeitungsmechanismen so analog sind, dann legt dies die Vermutung nahe, dass es generelle Prinzipien aller Wahrnehmung gibt. Sie zu kennen würde bedeuten zu verstehen, wie die äußere Welt in innere Bilder dieser Welt verwandelt wird - und dies wiederum wäre ein großer Schritt in Richtung auf ein Verständnis des nach wie vor geheimnisvollen Vorgangs der Erkenntnis selbst.


Evolutionär gesehen, überrascht dies wenig: Es wäre doch merkwürdig, wenn die Voraussetzung für unser - wie wir meinen - hoch entwickeltes Bewusstsein nicht schon in anderen Tieren angelegt wäre. So bildeten sich viele der für das Nervensystem nötigen molekularen Bausteine schon lange, ehe das erste Tier entstand. Es ist zudem ganz offensichtlich, dass viele verschiedene evolutionäre Wege zum Phänomen der Intelligenz führen. Dies wirft tiefe Fragen nach einer Verbindung zwischen Biologie und Philosophie auf: War, so fragt man sich beispielsweise, nachdem erst einmal primitive Nervensysteme, etwa das einer Qualle, entstanden waren, die Entwicklung von Intelligenz unvermeidlich? Können wir von verschiedenen Arten der Intelligenz sprechen, oder sind manche davon nur Durchgangsstationen auf dem Weg zu komplexeren Systemen? Und, umgekehrt, wie tief reichen die Wurzeln des Denkens?


Nehmen Sie beispielsweise das Zählvermögen. Nach allem, was wir über Delfine wissen, überrascht es kaum, dass sie ein solches besitzen; weit mehr verblüfft da schon, dass es in rudimentärer Form auch bei Salamandern vorkommt. Tatsächlich könnte es sich am Beispiel der Zahlenkenntnis bei Tieren erweisen, ob sich kognitives und sensorisches Erkennen grundlegend voneinander unterscheiden oder ob sie auf ein gemeinsames Fundament zurückgehen. Denn zum Erfassen von Zahlen gehört nicht nur sinnliche Wahrnehmung ("Ich sehe zwei Gin Tonics"), sondern auch abstrakte Kategorienbildung ("Sehe ich zwei Gin Tonics oder zwei Kühe?"). An Affen ließ sich zeigen, dass bei diesen Tieren kognitive und sensorische Zahlenkenntnis dieselbe neuronale Basis zu haben scheinen. Dies spricht nicht nur dafür, dass der sensorische Zugang zur Welt dem kognitiven vergleichbar ist; es lässt zugleich auch die evolutionäre Entstehung der Erkenntnisfähigkeit viel plausibler erscheinen.


Die Erörterung der Fähigkeit, Zahlen zu verstehen, führt uns zu einer weiteren, noch interessanteren Frage: Viele Leute halten Musik und Gesang für einen zentralen Bestandteil des Menschseins. Das Talent dazu jedoch hat sich unabhängig auch bei anderen Tieren herausgebildet, vor allem bei Vögeln und manchen Walen - und es lässt sich zeigen, dass diese musikalischen Fähigkeiten den unseren in mancherlei Hinsicht ähneln. Liegt das schlicht an einer gemeinsamen neuronalen Basis, oder gibt es tatsächlich eine universelle Musik, die von der Evolution "entdeckt" wird? Hier begegnen sich Darwin und Platon.


Der Gedanke, dass die Evolution irgendwie dazu "bestimmt" sei, platonische Archetypen zu entdecken, klingt bizarr und beinahe antidarwinistisch. Doch das ginge am Wesentlichen vorbei. Es geht nicht darum, die Tatsache der organischen Evolution in Zweifel zu ziehen; die zentrale Frage zielt vielmehr darauf, warum sie stets ganz bestimmte "Lösungen" ansteuert. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass völlig verschieden geartete Gehirne am Ende verblüffend gleichartige Dinge tun. So versuchen sich beispielsweise nicht nur Schimpansen an einer rudimentären Form von Werkzeuggebrauch; Geradschnabelkrähen überflügeln sie sogar darin. Die Gehirne beider Spezies jedoch unterscheiden sich radikal. Auch sind die Konvergenzen zwischen der Intelligenz vom Menschenaffen und Delfin sehr beeindruckend, doch die Architektur ihrer Gehirne ist sehr verschieden.


Nichtsdestoweniger sind wir Menschen einzigartig, am offensichtlichsten wohl, indem wir sprechen. Bevor wir dies jedoch durch irgendeinen Schlüsselfaktor zu erklären versuchen, etwa einen genetischen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass schon vor dem Auftritt des Homo sapiens auf der Bühne des Lebens sämtliche zur Entstehung des Menschseins nötigen Ingredienzen längst im Theater des Lebens auf ihren Einsatz warteten. Laute etwa, die geordnet sind und eine bestimmte Bedeutung tragen - und damit die Grundlage für Syntax und Semantik in sich bergen -, sind weit verbreitet. Manche Tiere sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu abstraktem Denken fähig, und das, vereint mit den Indizien für Einsicht, Neugier und Persönlichkeit im Tierreich, lässt uns ahnen, dass die Keimschicht der menschlichen Natur viel tiefer liegt, als es zunächst scheint.


Wenn nun also Intelligenz auf Erden unvermeidlich ist, dann liegt es nahe anzunehmen, dass sie dies auch andernorts im Universum ist. Der Geist - ein universelles Phänomen? Wenn die Natur, wie wir gesehen haben, tief greifende und anhaltende Regelmäßigkeiten in sensorischen Verarbeitungsprozessen offenbart, sollte es nicht verwundern, wenn es auch universelle Prinzipien des Geistes oder Intellekts gäbe. Das Bewusstsein, weit davon entfernt, eine beliebige Verkettung von Molekülen zu sein, könnte durchaus ein ebenso fester Bestandteil des Universum sein wie Sterne und Planeten.


Viele Leute mögen diesen Gedanken ermutigend finden. Denn er impliziert: Wenn wir dereinst Aliens begegnen, dann werden wir sie verstehen können! So wird es wohl sein - doch was sie uns zu sagen haben, könnte erheblich weniger erfreulich klingen. "Was?! Ihr habt die Evolution verstanden? Ihr wusstet, dass eure Biosphäre von Spezies mit Bewusstsein nur so wimmelt, und doch habt ihr Lebensräume zerstört, Wale harpuniert und die Tiere auf euren Farmen wie Automaten behandelt! Nun denn, ihr habt eure Wahl getroffen, nun seht, was ihr davon habt. Fahrt zur Hölle!"


Quelle: SPIEGEL ONLINE, 1. November 2003. Dort unter dem Titel "Sehen ohne Augen" veröffentlicht.


URL: http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,272651,00.html


© SPIEGEL special 4/2003