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Berührung ist Wahrnehmen ist sehen: Jacques Lusseyran, Jakob Böhme und ich oder: Wer spricht hier eigentlich von Blindsein!

Mir kommt es oft ungerecht vor, wenn andere sagen, ich sei blind, denn die Welt um mich herum ist doch da. Ich spüre sie doch, spüre den Raum, die Luft, höre die Geräusche. Aha, das sei nicht "sehen" meinen Sie. Ich sei deshalb also wirklich blind. Aber wo genau beginnt denn das Sehen, und was braucht es dazu? Ist "sehen" nicht vor allem eine Frage der Wachheit und der inneren Lebendigkeit? Sicher - um meine Umgebung optisch wahrzunehmen sind funktionierende Augen wichtig. Aber sehe ich meine Umgebung damit wirklich? Wo findet das Sehen eigentlich statt? In unserem Gehirn? IN den Augen? In unserem Körper? In unserem "Herzen"?



Martin Näf, Basel


Ich sitze in der Eisenbahn. Die Welt um mich her ist schattig grau, unfassbar. Alles ist überdeckt vom Dröhnen des schnell fahrenden Zuges. Hie und da tritt eine Stimme aus den sonst scheinbar unbewohnten Nebeln dieser lauten Welt. Ich sitze da und versuche mich auf das mir aufgegebene Thema "Berührung" zu konzentrieren. Es fällt mir schwer; meine Gedanken weichen nach links und nach rechts ab, als ob sie vom Thema abgestossen werden.


Berührung – was fällt mir dazu ein? Nun zuerst, wie immer bei solchen Fragen, meine fast instinktive Abwehr. Weshalb soll ausgerechnet ich etwas zu diesem Thema beitragen? Natürlich, weil ich blind bin. Aber ist dieses Blindsein wirklich eine Qualifikation? Ich wittere besondere Erwartungen, wittere mystische Verklärungen und Verallgemeinerungen! "Ihr Blinden spürt doch viel mehr als wir ...". Ich denke daran und wehre ab. Ich bin allergisch gegen diese Mystifizierung. Gegen meinen Willen fühle ich mich jedoch gleichzeitig auch geschmeichelt. Vielleicht freue ich mich darüber, dass man mir/uns etwas zutraut – eine Art Ausgleich zu der Unterschätzung, die ich sonst so oft erlebe! Ich spüre neben der Abwehr und der Skepsis auch die heimliche Lust, in die mir angebotene Rolle als Spezialist der Berührung hineinzuschlüpfen und ein bisschen Guru zu spielen ...


Berührung. Ich denke an Jacques Lusseyran, den in den 1970er Jahren bei einem Autoumfall ums Leben gekommenen blinden Philosophieprofessor, dessen Autobiographie Das Wiedergefundene Licht (siehe SPUREN Nr. 55) damals beinahe eine Art Bestseller war. Man scheint ihn heute allmählich zu vergessen; ich muss heute jedenfalls viel weniger oft als damals erklären, dass das, was Lusseyran über sich sagt, nicht automatisch für jeden blinden Menschen gilt. So gesehen ist es also ganz angenehm, dass dieser zum Idealblinden emporstilisierte Herr wieder von der Bühne verschwunden ist, und doch: Beim kürzlichen Widerlesen zweier seiner Vorträge war ich fasziniert und beeindruckt von Lusseyrans eigenwilligen Ausführungen zum Thema Blindheit, Sehen und Berührung.


Wenn Lusseyran von Berürhung spricht, so geht es ihm nicht oder allenfalls am Rande um das konkrete, körperliche Berühren mit unseren Händen, um diese in unserer Gesellschaft so verpönte Urform der Kontaktaufnahme. Nein, für ihn geht es um mehr. Für ihn, der als 7jähriger erblindete, ist Berührung im Grunde das, was die ganze Welt zusammenhält! Alle Wahrnehmung, so seine Theorie, ist Berührung – ist berühren und sich berühren lassen. Das gilt auch für das Sehen, diese heute so hoch bewertete Form der Wahrnehmung, welche im übrigen gerade durch ihre Dominanz zu einer Art Blindheit gegenüber anderen Formen der Wahrnehmung führt –, eine Blindheit, die nicht nur mit Arroganz zu tun hat. Die Helligkeit des Lichtes und unser intensives Leben im Licht blendet uns tatsächlich so sehr, dass wir für andere Formen der Wahrnehmung kaum mehr offen sind. Ich sage wir, weil auch ich in hohem Mass von dieser Kultur geprägt und vereinnahmt bin. Wenn ich meine Blindheit als produktive Herausforderung und nicht als dauerndes Defizit erleben will, muss ich mich von den hierzulande anerkannten Normen und Denkmustern lösen.


Lusseyran hat diese Art der Emanzipation geübt, indem er begonnen hat, genau auf seine Wahrnehmungen zu achten. Dabei entdeckte er, dass er die Welt um sich herum auch als blinder Mensch wahrnehmen oder "sehen" konnte.


In einem im April 1970 in Zürich gehaltenen Vortrag sprach Jacques Lusseyran davon, beim Gehen auf der Strasse nicht nur einzelne Bäume wahrnehmen und die Ansätze ihrer untersten Äste bezeichnen zu können. Aufgrund ihrer "spezifischen Tonlage" gelinge es ihm auch, einzelne Baumarten wie Eichen, Pappeln und Nussbäume klar voneinander zu unterscheiden. Wenn er am Arm eines Freundes durch die Alpen wandere, so könne er die Landschaft um ihn her spüren, auch weit entfernte Bergzüge oder einen im Tale liegenden See.


Schliesslich behauptete Lusseyran auch, einen Menschen, der ohne ein Wort zu sprechen in ein Zimmer trete und sich still an einenTisch setze, "sehen" zu können, indem er sich diesem Menschen innerlich öffne und sich von ihm berühren lasse. Es geht bei diesen Phänomenen um ein "Eingehen in ein Gleichgewicht des Druckes", um ein "Kräftefeld", durch welches "die Einheit der Welt (...) zum physischen Ereignis" wird.


Ob es sich bei diesen Erlebnissen des in Kontakt tretens, des Berührtwerdens um die Wirkung elektromagnetischer Wellen handelt oder ob hier andere "feinstoffliche" Vorgänge im Spiel sind, ist für Lusseyran weniger wichtig als die immer aufs Neue gemachte grundlegende Erfahrung, dass seine Wahrnehmungsfähigkeit vom eigenen seelischen und körperlichen Zustand abhängt. Je entspannter und offener er sich fühlt, desto unmittelbarer und ungehinderter begegnet ihm die Welt. Die zentrale Kategorie in seinem Denken ist die "Aufmerksamkeit". "Ein wirklich aufmerksamer Mensch könnte Alles erkennen. Er hätte für das Erkennen keine sinnesgebundenen Voraussetzungen mehr nötig", so sagt er in dem erwähnten Vortrag (als Buch erschienen im Verlag Freies Geistesleben).


Meine Wahrnehmungs– und Kontaktfähigkeit ist längst nicht so entwickelt wie diejenige von Jacques Lusseyran. Wenn ich – inzwischen längst an meinem Schreibtisch vor meinem treuen Quasselcomputer sitzend – nochmals in jenen lauten Eisenbahnwagen zurückkehre, so wird mir bald schmerzlich bewusst, wie sehr ich mich vor den Berührungen durch meine Umwelt abschotte: Nicht nur, dass ich nicht spüre, ob mir ein junger Mann, ein Kind oder eine alte Frau gegenübersitzt; ich spüre in solchen Situationen sehr oft nicht einmal, ob da überhaupt jemand ist: Vielleicht erdrücke ich meine Wahrnehmung, die zarte Berührung der Welt durch meine Erwartungen; vielleicht gedeiht diese Berürhung ohne Berührung in der lauten Umgebung dieses alten Eisenbahnwagens nicht so gut wie an anderen, stilleren Orten.


Vielleicht war Lusseyran auch bloss ein eitler Angeber, und ich laufe seinen Ammenmärchen hinterher. Nein, das glaube ich nicht. Ob er eitel war, weiss ich nicht; aber was er, von seinen Erfahrungen ausgehend gesagt hat, haben viele andere – Mystikerinnen und (Natur)–Wissenschaftler – vor und mit ihm ähnlich formuliert. Menschen wie Rudolf Steiner, Rupert Sheldrake, Pierre Teilhard De Chardin, Hildegard von Bingen oder Jakob Böhme fänden die welterschliessende Funktion, die Lusseyran der Fähigkeit zu berühren und sich berürhren zu lassen zuschreibt, vermutlich weniger abstrus als sie unserem immer irgendwie etwas verengten Verstand zunächst vorkommen mag.


Und wenn ich mich beispielsweise in jenen baumbestandenen Friedhof an der amerikanischen Westküste zurückdenke, der vor vielen Jahren einmal Teil meines Weges von und zur Uni war oder wenn ich an den Weg hinunter zum Bähnchen denke, den ich in den letzten Monaten so oft gegangen bin, dann merke auch ich, dass ich einen Zipfel dieses Inkontaktseins mit meiner Umgebung durchaus kenne. Ohne ihn zu sehen, weiss ich genau, dass da ein Baum steht; ich gehe auf ihn zu und berühre ihn, als ob ich ihn sehen könnte. Ohne mit meinem Stock nach dem klärenden Wegrand tasten zu müssen, spüre ich vor allem, wenn die Luft kalt ist, genau, wo ich einzubiegen habe. Es ist, als ob ich den Weg mit seinen Büschen und Zäunen zur Linken und Rechten sehe. Manchmal jedenfalls –, denn immer wieder versagt dieses ganze, eigenartige Spüren- und Sehenkönnen aus unerfindlichen Gründen kläglich: Ich nehme die Kurve zu eng oder krache ahnungslos in ein parkiertes Auto, und die ganze weite Welt verwandelt sich mit einem Mal zu einem Stück kleinlicher Scham wegen meiner so offenbaren Blindheit. Dann schliessen sich die Pforten meiner Wahrnehmung meist sehr schnell und ich rette mich reflexartig an das schützende Ufer der Normalität. Seltener strecke ich meine Hände – diese treuesten, viel zu oft vernachlässigten Organe der Wahrnehmung – aus und versuche, neugierig tastend dem Rätsel dieser peinlichen Begegnung der anderen Art auf die Spur zu kommen. Ob feinstofflich zart, ob seelenvoll weich oder plump und hart: Wahrnehmung ist Berührung, ist Berühren und sich berühren lassen!


Ich glaube daran. Auch in diesem Fall gibt es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als unsere Schulmeister uns erzählt haben; aber auch hier gilt offenbar, dass Meisterschaft in der Regel nicht einfach so vom Himmel fällt. Blindheit allein genügt nicht! Gefragt ist Übung –, Übung im mich Öffnen für das, was um mich ist –, Übung, im mich Berühren lassen und im selber Berühren –, Übung in Mut und Zutrauen.




Unter dem Titel "Wahrnehmen ist sehen" in leicht gekürzter Form erstmals erschienen in: Spuren. Magazin für neues Bewusstsein. Nr. 56, Sommer 2000, S. 12-13


© Martin Näf 2009