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Kann man ohne Augen sehen? Paraoptische Fähigkeiten

In den letzten fünfzig Jahren sind immer wieder Texte aufgetaucht, die von der "paraoptischen Fähigkeit" berichten, das heisst von der Möglichkeit, ohne Augen zu sehen. Was hat es mit diesen Texten auf sich, und wieso finden sie nicht mehr Gehör? - Roger Cevey machte sich in einem 1996 im "Weg", dem Organ des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands auf Spurensuche.

"Kann man ohne Augen sehen?" Unter diesem Titel erschien 1952 in den letzten beiden Nummern des "Petit Progrès", dem Organ der Section Romande des Schweizerischen Blindenverbandes, ein Artikel, den man ohne zu übertreiben als ungewöhnlich bezeichnen darf. Er stellte nämlich die Frage, ob es möglich ist, Dinge zu sehen, ja sogar lesen zu können, ohne die Augen zu benützen. Wer hat denn nur auf eine solch verrückte Idee kommen können?


Louis Farigoule, kennen Sie den? Sicherlich nicht! Sie haben hingegen schon von Jules Romains gehört oder Bücher von ihm gelesen. "Les copains" ("Die Freunde") zum Beispiel oder "Les hommes de bonne volonté" ("Die Männer mit dem guten Willen"). Jules Romains war zuerst das Pseudonym, später dann der bürgerliche Name dessen, der 1885 als Louis Farigoule geboren worden war.
Um das folgende zu verstehen, müssen Sie wissen, dass Jules Romains an der Ecole normale supérieure in Paris mehrere Diplome in Biologie erworben hatte und Professor der Philosophie war. Der zukünftige Schriftsteller besass also eine Ausbildung, die - zum Teil wenigstens - seine Untersuchungen erklären können. Diese dauerten fünf Jahre und führten 1919 zur Veröffentlichung einer 144seitigen Schrift, die 1921 ein zweites Mal erschien. Das auslösende Moment - denn das braucht es meistens - war eine Feststellung, die ihn besonders erstaunt hatte: "Es kommt vor", sagte er, "dass Nachtwandler, das heisst Personen in natürlicher oder künstlich herbeigeführter Hypnose, sich ohne Schwierigkeiten mit geschlossenen Augen bewegen und sogar mit verbundenen Augen Gegenstände, Personen und Schriftzeichen erkennen können. All dies geschieht", folgerte er, "als ob sie sehen könnten, ohne dass ihnen die Augen dabei behilflich sind."
Nachdem die ersten Experimente mit hypnotisierten Versuchspersonen gemacht worden waren, war nun Louis Farigoules Ziel zu beweisen, dass dies auch mit Menschen bei vollem Bewusstsein möglich war, denen man aber die Augen verbunden hatte. Er machte den Test als erstes an sich selbst, und es gelang ihm nach grossen Anstrengungen tatsächlich, einen Text korrekt zu lesen. Die grosse Konzentration hatte aber eine extreme Ermüdung zur Folge. Die ersten Resultate sind denn auch nur eher fragmentarisch: Die Erkennung von Formen und Texten gelingt schneller und präziser, wenn die Hautoberfläche gross ist. Nackte Hände und Handgelenke, freie Stirn und offener Kragen sind die Umstände, unter denen man mit etwas Training leicht und schnell eine Romanseite oder einen Zeitungsartikel lesen kann.
Nach Versuchen an mehreren Personen und mit immer höheren Anforderungen wollte Louis Farigoule die Reaktion von Blinden ohne Augen testen. Ihre Sehfähigkeit war ja erwiesenermassen null, die Resultate waren aber trotzdem genau die gleichen wie die der früheren Testpersonen. Es blieb also noch die Beglaubigung der Resultate, was im Cochin-Spital im Beisein einer Spezialistenkommission geschah. Ein Teil der Experimente wurde von ihnen selbst, ohne die Anwesenheit von Louis Farigoule, gemacht. Ausnahmslos unterschrieben sie anschliessend ein Protokoll, welches die Echtheit der Phänomene bestätigt.
Um diesen ersten Teil abzuschliessen, geben wir hier noch einige Zeilen des Artikels wieder, dem wir die obigen Informationen entnommen haben: "Weitere Versuche wurden bei Bergson, auf seine Anfrage hin und unter seiner Kontrolle, unternommen. 1927 erwähnte ein internationaler Augenkongress in Edinburgh die Arbeiten des Verfassers mit Auszeichnung und widmete der Frage einen ganzen Bericht. Dies gibt den beschriebenen Resultaten wohl genügend Glaubwürdigkeit. Man kann es also bedauern, dass das Problem nicht wieder aufgenommen worden ist und dass die Arbeiten nicht fortgeführt worden sind, seit sich Herr Romains ausschliesslich der Literatur zugewandt hat, die sein Pseudonym berühmter gemacht hat als die Wissenschaft seinen wirklichen Namen."


Sensationelle Entdeckung



Diesmal finden wir im Jahre 1975, in der Nummer vier des "Messager suisse des aveugles" (dem Organ der Section romande des SBV - das heute zum "Clin d'Oeil" geworden ist) einen Artikel über das selbe Problem. Der Titel lautet: "Unglaubliche parapsychologische Untersuchungen in der UdSSR". Wir befinden uns am Anfang der sechziger Jahre, in Nizhnyi Tagil, einer Industrie- und Minenstadt im Ural. Rosa ist 22 Jahre alt. Seit ihrem 17. Lebensjahr leitet sie, die selbst mehrere Blinde in ihrer Familie hat, eine Theatergruppe für Sehbehinderte. Sie hat sogar die Brailleschrift erlernt. Eines Tages erzählt sie ihrem Arzt von ihrer Fähigkeit, Schwarzschrift mit den Fingern lesen zu können, was er ihr nicht richtig glaubt. Er verbindet ihr die Augen, und Rosa fährt mit dem Ringfinger und dem kleinen Finger über das Blatt, das er ihr vorhält. Ohne zu zögern nennt sie eine Farbe nach der andern, während ihre Hand darüberfährt. Dann sind es Zeitungen und Zeitschriften, die sie mit den Fingern ebenso mühelos liest, wie mit den Augen. Sie sagte übrigens dazu: "Woran ich als erstes dachte, als ich meine Fähigkeit, mit den Fingern zu lesen, entdeckte, war, Spickzettel in meiner Tasche zu verstecken, um sie während der Proben in der Schule zu lesen."


Nach verschiedenen Tests wurde Rosa vom Arzt (einem Neurologen) im Herbst 1962 an die regionale Konferenz der Psychologenvereinigung begleitet. Trotz eines dicken Tuchs über den Augen konnte sie die Farben der Kleider der anwesenden Assistenten erkennen sowie die Farben der Bücher, die sie aus ihren Taschen zogen. Man hielt ihr die Fotografie einer Person vor. Rosa beschrieb exakt sowohl Haltung als auch Erscheinung dieser Person. Als sich die Psychologen erstaunt zeigten, sagte Rosa: "Das ist dank der Übung. Seit sechs Jahren trainiere ich jeden Tag mehrere Stunden lang."
Während sechs Wochen folgten nun zahlreiche Tests in der Klinik in Sverdlovsk. Da die Forscher glaubten, sie hätten es mit einer besonderen Empfindlichkeit der Finger zu tun, legten sie eine Zellophan- oder Glasplatte auf die Texte. Der Einfluss war gleich null. Man erwärmte darauf die sogenannt kalten Farben (blau, lila) und kühlte die warmen Farben (z. B. rot) ab. Die junge Frau liess sich davon nicht beirren.
"Von diesem Moment an", steht im Artikel, den wir gelesen haben, "sah Rosa mit ihren beiden Händen und konnte die Farbe irgendeines Objekts erkennen - von Krawatten über Lichtspiele bis hin zu Blütenblättern und Pferden. Sie konnte auch die Bilder auf den Briefmarken beschreiben, und einmal gelang es ihr sogar, die Ohrringe zu beschreiben, die eine Frau auf einer Fotografie trug."


Schlussfolgerung



Wir haben absichtlich darauf verzichtet, näher auf die Bemerkungen, die Überlegungen und die Hypothesen der beiden obengenannten Artikel einzugehen. Was man sagen kann ist nur, dass eine wirklich befriedigende Erklärung bis heute fehlt. Man vermutet, dass das Nervengewebe Zellen enthält, die auf Licht reagieren und die Information an das Gehirn weitergeben, genau wie die Netzhaut. Diese netzhaut-unabhängige Sehfähigkeit nennt Louis Farigoule paraoptisch.



Weshalb aber sind diese Entdeckungen - in zwei verschiedenen Ländern und in einem Abstand von fast einem halben Jahrhundert gemacht - im Versuchsstadium geblieben? Warum hätten nicht Menschen davon profitieren können, die aufgrund ihrer Sehbehinderung all das, was den Sehenden zur Verfügung steht, nicht lesen können? Der Grund ist sicherlich der, dass die beschriebene Fähigkeit eine unglaubliche Konzentration erfordert, welche ihrerseits eine extreme Ermüdung mit sich bringt - vor allem am Anfang. Im weiteren haben heute auch Blinde - dank technischer Errungenschaften (Kassette und Scanner) - einen immer leichten Zugang zu immer mehr Texten. Trotzdem sind wir gespannt, ob diese Zeilen das Interesse des einen oder anderen Lesers zu wecken vermögen und sich jemand daran macht, seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu testen. Ausser es habe jemand von neueren Versuchen gehört. Er oder sie möge uns dies doch bitte mitteilen.


Quelle: Der Weg, Organ des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes Nr. ?, ca. 1996