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Körperliche Behinderung – na und? (10.3.2007)

Antonio Scapoli berichtet in diesem Beitrag über seine Erfahrungen als Schüler und Lehrling. Nach einer "ganz normalen" Schulzeit in der Schule seines Quartiers gelang es ihm nicht, auch seine Lehre auf dem "offenen Markt" absolvieren zu können. – Quelle: "Agile – Behinderung und Politik" 1/2007


Ich heisse Antonio Scapoli, bin 20 Jahre alt und wohne in Bern. Seit meiner Geburt leide ich an einer körperlichen Behinderung, genauer gesagt an Achondroplasie (Kleinwuchs). Im Jahr 2006 habe ich meine Lehre als Kaufmann erfolgreich abgeschlossen. Zurzeit absolviere ich die Berufsmaturitätsschule in Bern und arbeite in einem Teilzeitpensum in meinem ehemaligen Lehrbetrieb als kaufmännischer Angestellter.

Schulzeit und Berufswahl


An meine Schulzeit erinnere ich mich gerne. Ich habe sie in der öffentlichen Schule in meinem Wohnquartier absolviert. Soweit ich mich erinnere, stand es nie zur Diskussion, mich wegen meiner Behinderung in eine Sonderschule zu schicken. Die LehrerInnen haben mich gut behandelt und meine MitschülerInnen haben mich gut akzeptiert. Dort, wo ich Schwierigkeiten hatte, etwa beim Benützen der Toilette oder im Turnunterricht, wurde von beiden Seiten, das heisst von der Lehrerschaft des ganzen Schulhauses und von den SchülerInnen, auf mich Rücksicht genommen. Ich blieb während meiner ganzen neunjährigen obligatorischen Schulzeit im selbem Schulhaus und in derselben Klasse und hatte während dieser ganzen Zeit ein gutes Verhältnis zu meinen Freunden. Auch in der Freizeit war ich gerne mit ihnen zusammen auf dem Schulhof.

In der Oberstufe kam dann langsam die Frage nach der Berufswahl. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich auf Berufe einschränken musste, die körperlich nicht zu anstrengend sind. Mein Wunschberuf als „nicht Behinderter“ wäre etwas im Zusammenhang mit Automobilen gewesen, da diesen mein grösstes Interesse gilt. Ich konnte jedoch gut akzeptieren und sah schnell ein, dass ein Beruf wie Automechaniker nicht in Frage kam. Als realistischer Berufswunsch stand dann eine Ausbildung zum Hochbauzeichner im Vordergrund. Das Zeichnen und Planen von Gebäuden faszinierte mich, weshalb ich an diverse Stellen zum Schnuppern ging. Vom Beruf war ich sehr begeistert und ich sah eine entsprechende Ausbildung als möglich an. Allerdings gehören neben dem Zeichnen und Planen viele Baustellenbesuche zur Tagesordnung, was mit Schwierigkeit für mich verbunden gewesen wäre, besonders bei grossen Baustellen. Während des 10. Schuljahres in der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern kam ich zur IV-Berufsberatung. Zuerst wurde dort mein Fall dramatisiert, was sich darin ausdrückte, dass man mir einzig eine Ausbildung in einer geschützten Institution vorschlug. Ich selber wollte das nicht unbedingt, schaute mir aber dennoch einige Institutionen an. Obwohl man mir in solchen Institutionen sofort eine Ausbildung anbot, lehnte ich ab. Ich konnte mir einfach nichts Anderes vorstellen, als in der freien Marktwirtschaft eine Lehre zu absolvieren. Meine ehemalige Ärztin vermittelte mich allerdings dann doch in eine Institution. Nach einer Schnupperlehre bot man mir dort die letzte freie Lehrstelle als Kaufmann an. Obwohl mir der Schritt in die freie Marktwirtschaft also nicht gelang, störte ich mich schliesslich nicht sehr an der Institution. Ich war zwar an Regeln gebunden, hatte aber dennoch viele Freiheiten. Die Ausbildung als Kaufmann, welche insgesamt vier Jahre dauerte, ist ein gutes Fundament, auch für spätere Weiterbildungen.


Berufslehre


Nach unzähligen Bewerbungen hatte ich also meine Lehrstelle, worüber ich sehr froh war. In meinen Bewerbungsschreiben teilte ich den Betrieben jeweils mit, dass ich kleinwüchsig bin. Teilweise wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, ohne dass ich aber je eine Zusage bekam. Ein Grund zur Ablehnung war sicher die grosse Nachfrage nach Lehrstellen. Ein weiterer Grund mag darin liegen, dass die Betriebe gezwungen sind, Arbeitskräfte einzustellen, welche überall einsetzbar sind. Vielleicht sahen sie sich auch überfordert oder konnten es sich nicht vorstellen, wie mit einem körperlich behinderten Menschen zusammen zu arbeiten. Ich kann diese Ängste nachvollziehen, doch nun arbeite ich selber mit körperlich Behinderten zusammen und muss sagen, es gibt keinen Unterschied.

Zurück zu meinem Lehrbetrieb. Meine Ausbildung habe ich in der kaufmännischen Berufsschule des Schulungs- und Wohnheims Rossfeld in Bern absolviert. Im Rossfeld können körperlich Behinderte wohnen, arbeiten und eine kaufmännische Lehre absolvieren. Speziell an dieser Ausbildung ist, dass alles im selben Gebäude stattfindet, nämlich die Berufsschule, der praktische Einsatz im Lehrbetrieb und das Wohnen. Viele Lernende reisen aus der ganzen Schweiz an.


Lehrabschluss und anschliessend Berufsmatura


Nach 4 Jahren Ausbildung (ein Vorbereitungsjahr und drei Jahre Lehre) erwartet den Abgänger die eidgenössische Lehrabschlussprüfung. Da die Ausbildung im Rossfeld eidgenössisch anerkannt ist, war dies einer der Hauptaspekte, warum ich mich entschloss, das KV dort zu absolvieren. Weil es eine spezielle Institution für körperlich behinderte Menschen ist, entstanden keine Probleme für mich. Der Betrieb ist gut darauf vorbereitet und prima organisiert. Wie in einer Ausbildung wohl üblich, waren einige Phasen anstrengender, andere weniger. So sammelt ein Schüler auch Kraft und Erfahrung.

Im Sommer 2006 stand die Lehrabschlussprüfung vor der Tür, welche ich erfolgreich bestanden habe. Nach den Sommerferien entschied ich, die Berufsmaturitätsschule zu besuchen, und zwar den berufsbegleitenden Kurs. Gleichzeitig habe ich eine Arbeitsstelle in meinem ehemaligen Lehrbetrieb erhalten.

In der neuen Schule fühle ich mich wohl und habe sehr schnell den Anschluss in der Klasse gefunden. Wir unternehmen auch in der Freizeit gemeinsam viele Sachen. Wie es nach dieser Weiterbildung weiter gehen soll, steht noch nicht fest.


Ausblick


Was möchte ich andern Menschen mit oder ohne Behinderung auf den Weg geben? Angehörigen von körperlich behinderten Kindern möchte ich sagen, dass sie keine Angst haben müssen, ihr Kind in eine öffentliche Schule zu schicken. Wenn die Lehrerschaft dafür bereit ist, sollte dies kein Problem sein. Die MitschülerInnen gewöhnen sich daran und lernen das Schicksal ihres behinderten Schulkameraden kennen. Auch sie können eine zusätzliche Erfahrung machen. Weil ich mir viele Sachen selber erkämpfen musste und mir nicht immer alles auf dem silbernen Tablett serviert wurde, wurde ich in meinem Charakter sehr stark. Heute bin ich meinen Eltern und allen, welche mich in diesen Jahren unterstützt haben, sehr dankbar dafür.





Weitere Beiträge dazu auf unserer Seite:
"Die Hauptschwierigkeit besteht darin, überhaupt eine Lehrstelle zu finden". Berufsausbildung von Menschen mit Behinderung