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"Ganz ich" Pina

Zu einem Menschenleben gehören verschiedene Rollen. Pina Dolce hat ihren Weg dazu intensiv gesucht. In der Frühlingsausgabe 2013 von Klar,dem Schweizer Magazin für das Thema Sehbehinderung portraitierte Naomi Jones die blinde Künstlerin und Mutter.



Im Atelier


Pina Dolce zieht sich einen weissen Kittel voller Farbe über den roten Wollpullover. Sie fasst ihre langen dunkelroten Locken mit beiden Händen im Nacken zusammen, doch die Haare lösen sich sogleich wieder auf. Den kleinen Sohn steckt sie in eine grüne Plastikschürze. „Komm, du darfst dich hier an den Tisch setzen“, sagt sie dem Vierjährigen und geht zum Regal mit den Farben. Tastend sucht sie die Fingerfarben für Viviano. Sie hat kleine, doch kräftige Hände, mit starken silberbeige lackierten Nägeln. An den Nagelrändern erkennt man einen Hauch undefinierbarer Acrylfarbe. „Welche Farbe ist das?“ fragt sie Viviano und hält dem Kleinen ein Töpfchen hin.
„Blau“.
„Es ist leer“, sagt Pina Dolce mehr zu sich selbst als zu Viviano. „Wir müssen blaue Farbe kaufen.“
Viviano zappelt vor Freude und wartet ungeduldig bis seine Mutter ihm alle Farben gebracht hat. Dann greift er in einen Topf und verteilt die Farbe grosszügig auf der Tafel, die er bemalen darf. „Mit welcher Farbe malst du, mein Herz?“, fragt Dolce mit ihrer sanften Stimme.
„Grün.“
Pina Dolce hat eine weiche Figur und eine aufrechte Haltung. Sie wirkt grösser, als sie ist. Auch in ihrem Haus bewegt sie sich vorsichtig. Ihr Gesicht mit den geschlossenen Augen bleibt meistens ernst. Mit 15 Jahren erblindete Pina Dolce aufgrund eines kindlichen Glaukoms und einer Netzhautablösung. Im Alter von 19 und 21 Jahren musste sie sich je ein Auge entfernen lassen. Ihre Augenlider mit kurzen Wimpern bedecken die leeren Höhlen.
Das Atelier ist hell und ordentlich. Plastikplatten mit Farbspuren schützen den Parkettboden. Überall hängen, stehen und liegen Bilder in leuchtenden Farben. Die Farbe ist dick von Hand aufgetragen. Immer mal wieder hat die Künstlerin natürliche Materialien wie Kichererbsen oder Kräutertee in das Gemälde eingearbeitet. Das grösste Bild, eineinhalb mal zwei Meter gross, stellt eine kleinere gelbe runde Fläche und ein grosses blaugrünes Halbrund am unteren Bildrand auf schwarzem Grund dar. Es erinnert an eine Weltkugel mit Mond. Das kleinste Bild ist ein Aquarell. Im Zentrum weiss, beginnt sich ein zartblauer Wirbel zu drehen bis er gegen den Rand hin stark und kräftig wird.
Pina Dolce ist freischaffende Malerin. Nach der Handelsschule wollte sie am Institut für angewandte Psychologie studieren, wurde jedoch nicht zugelassen. Auf Empfehlung eines blinden Freundes bewarb sie sich am Institut für Intermediale Kunsttherapie ISIS, wo sie ihre Basisausbildung als Kunsttherapeutin erhielt. In Amerika vertiefte sie diese und machte einen Bachelor of Arts in kunstorientierter Psychotherapie. Danach entschied sie sich gegen ein vertiefendes Studium an einer Kunstakademie in San Francisco, wo sie bereits einen Studienplatz hatte. Stattdessen schrieb sie sich in der Schweiz an der Universität Fribourg ein und studierte Psychologische Pädagogik und Politische Philosophie.
Viviano ist fertig mit seinem Bild und wirbelt durchs Atelier. „Nichts anrühren!“ ruft die Mama. „Ich muss dir die Hände waschen.“ Die sonst so ruhige Pina packt den Kleinen energisch, als sie ihn zu fassen kriegt und trägt ihn zum Lavabo. Und schon ist der Ärger verflogen. Sie küsst und umarmt den Sohn. Die beiden singen zum Hände waschen ein frei erfundenes Lied vom kleinen Drachen. Ein winziger grüner Fleck auf Pina Dolces Wange zeugt noch vom kindlichen Gefecht.


Urs


In der Küche im Erdgeschoss des Reiheneinfamilienhauses, wo die Familie lebt und arbeitet, kocht Pina Dolce eine Gerstensuppe. Viviano will helfen und schneidet Würstchen in Stücke. Diese gibt er der Mutter in die Hand, um ihr sein Werk zu zeigen. „Das hast du toll gemacht, mein Herz. Pass auf mit dem Messer.“ Pina streicht dem Knaben sanft über das Haar: „Rufst du Papa zum Essen?“
„Geht es dir gut?“ fragt Urs Hodel Pina. Der Endfünfziger streicht seiner um dreizehn Jahre jüngeren Frau eine Strähne aus dem Gesicht. Sie steht aufrecht am Herd. Die beiden Hörgeräte verschwinden dezent im Haar. „Ich bin etwas müde“, antwortet Dolce und lehnt sich kurz an ihren Mann.
Das konnte sie nicht immer. Vier Jahre nachdem die beiden geheiratet hatten, überlebte Urs einen Motorradunfall nur knapp. Er konnte nicht mehr sprechen, sich nicht mehr erinnern. Sogar essen musste er wieder lernen und dies tat er nur, wenn Pina bei ihm war. „Er war wie ein kleines Kind“, erzählt sie. „Ich pflegte und umsorgte ihn. Einfachste Dinge konnte er nicht entscheiden. Unsere Ehe war fern davon, eine Partnerschaft zu sein. Eher war ich ihm eine Mutter und Krankenschwester.“
Sehr langsam erholte sich Urs Hodel. Sehr langsam fand das Ehepaar zu seiner Partnerschaft zurück. Und es war nach der schweren Zeit wie ein Wunder, als Pina im Alter von einundvierzig Jahren den gemeinsamen Sohn gebar.


Der Aufbruch


Die Familie sitzt am Tisch. „Sprichst du heute das Gebet?“ bittet Pina Dolce den kleinen Viviano. Er murmelt rasch etwas in seinem kindlichen Italienisch.
Pina wuchs in der Schweiz als ältestes Kind süditalienischer Einwanderer auf. Die Familie war sehr fromm und so war es auch Pina. Bis sie erblindete. „Ich war überzeugt, dass mich Gott davor schützen würde, blind zu werden. Nun wurde mein Glaube zutiefst erschüttert. Anstatt wie andere Mädchen in der Pubertät meine Weiblichkeit und meine Wirkung auf Jungen zu entdecken, setzte ich mich mit Sinn- und mit Schuldfragen auseinander. Das System, in dem ich aufgewachsen war, erhielt Risse. Nun wurde ich von der Vorzeigetochter zur Rebellin“, erklärt sie.
Bis zum Bruch mit der Kirche hätte sie lieber ein Mann sein wollen, erzählt Pina Dolce. In ihrer Familie sei man zwar sehr herzlich miteinander umgegangen. Aber es sei klar gewesen, dass sich die Frauen den Männern unterzuordnen hätten. „Dabei strebte ich nicht nach der männlichen Dominanz, sondern nach der Kraft und Freiheit von Männern. Ich wollte in die Welt hinaus. Das war für die Frauen in meinem Umfeld nicht vorgesehen. Und ich hatte Mühe damit, mich zugunsten eines vorgegebenen Rollenbildes zu verleugnen. Die Schweizer Kultur hatte mich zu sehr geprägt.“
Als die Kirche ihre Autorität verloren hatte, gelang es der jungen Frau auszubrechen. Sie zog mit 21 Jahren zu Hause aus. Nun lernte sie die Musik der Beatles und Urs kennen. Aus der Liebschaft wurde zuerst eine langjährige Freundschaft, bevor die beiden als Paar zusammenfanden und schliesslich dank einem Zufall heirateten. „Urs ist der Mann meines Lebens. Er schafft mir den Raum, den ich brauche und baut mir ein Nest, so dass ich wie ein Vogel ausfliegen und wieder zurückkehren kann.“



Pina Dolce machte ihre erste Ausbildung, finanzierte sich die zweite selbst und brach nach Amerika auf. „Warum?“ fragt Viviano.
„Ich musste wissen, ob ich als Frau, als blinde Frau, leben und überleben konnte, ohne mich verleugnen oder unterordnen zu müssen“, erklärt die Mama. Sie drückt den Kleinen fest und gibt ihm einen Kuss.
Hierfür bot sich in Amerika, fern von zu Hause, Gelegenheit. Zur Ausbildung in kunstbasierter Psychotherapie gehörte viel Selbstreflexion. In den Gruppengesprächen konnte sich Pina selbst spiegeln. Aber auch das Entdecken der körperlichen Weiblichkeit gehörte dazu, obwohl in der süditalienischen Familie eine zärtliche Nähe gelebt worden war. „Dies war jedoch eine geschlechtsneutrale Zärtlichkeit“, erzählt sie. „Während meinem Studium in Amerika machte ich Contact dance. Auch wenn wir nicht miteinander ins Bett gingen, hatten wir innerhalb der Tanzgruppe sehr nahe Beziehungen. So konnte ich mich intensiv mit meiner Wirkung als Frau auseinandersetzen.“
Ein Freund beschreibt Pina als „verrücktes Haus“. Es sei ihr wichtig, alles auszuprobieren und dadurch ihren eigenen Weg zu finden, wie etwa damals, als sie sich einer Katze nachempfundene Glasaugen machen liess.
Pina Dolce widerspricht dem nicht. Insbesondere was ihre Kunst angeht, meint sie: „Das Malen passt überhaupt nicht zu mir als Blinde. Aber ich male aus einem inneren Bedürfnis. Die Bilder kommen in meinen Kopf und sie wollen hinaus. Es ist ein magischer Moment und ein schmerzvoller. Denn ich sehe meine Werke nicht.“ In Amerika hatte sie sich in verschiedenen künstlerischen Techniken versucht. „Doch“, erzählt sie weiter, „wenn ich male, dann löse ich mich ein Stück weit auf. Ich bin mir nicht mehr selber im Weg. Dann bin ich ganz ich. Pina.“


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Zurzeit entsteht unter der Regie von Peter Jaeggi ein Dokumentarfilm über Pina Dolce. Eine Audiodeskription ist vorgesehen.


© Klar. Das Schweizer Magazin zum Thema Sehbehinderung