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Urs Kaiser: Ich bin und bleibe ein Humanist



Im Juni 2009 wurde Urs Kaiser in den Vorstand des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, SBV, gewählt. Die Verbandszeitschrift "der Weg" benützte die Gelegenheit und sprach mit Urs Kaiser über seine berufliche Entwicklung, seine langjärhige Geschichte mit dem SBV und seine Sicht des Behindertseins.



Aufgezeichnet von Naomi Jones




Geboren bin ich in Solothurn, aufgewachsen in Obergerlafingen. Ich habe einen angeborenen grauen Star und daher wurde ich mit sieben Jahren in der Blindenschule Sonnenberg eingeschult. Ganz erblindet bin ich erst im Alter von vierzig Jahren. Der Sonnenberg war damals ein Internat mit chronischer Platzknappheit. Ich schlief mit 15 andern Knaben in einem grossen Schlafsaal.

Für Sehbehinderte gab es damals zwei Berufsrichtungen: Korb- und Sesselflechter und die Kaufmännische Ausbildung an der Benedikt-Schule. Meine Eltern setzten sich aber dafür ein, dass ich die Kantonsschule in Solothurn besuchen konnte. Nach der Matura begann ich in Zürich das Psychologiestudium. Das war 1968 gerade nach den Globuskrawallen. Ich wohnte in einer WG mit 16 Mitbewohnern. Am Anfang führten wir eine Art Kommune mit gemeinsamer Haushaltskasse, Vollversammlungen sowie Miete nach Bedarf und finanziellen Möglichkeiten. Die Basisdemokratische Haushaltsführung kostete aber viel Energie. Nach und nach wurden wir politischer, führten Ämtchen und Haushaltspläne ein und verwendeten die gewonnene Zeit für gesellschaftspolitische Diskussionen.

In meiner Studentenzeit lernte ich meine Frau, Bea, kennen. Mit unseren beiden Kindern wohnten wir in einem kleinen Hexenhäuschen am Zürichsee. Nach dem Studium arbeitete ich als Psychologe in einer Gemeinschaftspraxis. Danach leitete ich den Psychologischen Dienst für Sehbehinderte beim SZB.

1982 bewarb ich mich auf die ausgeschriebene Stelle des SBV-Zentralsekretärs. Nachdem ich mich beim SZB mit Menschen beschäftigt hatte, die an den sozialen und psychischen Folgen ihrer Sehbehinderung litten, wollte ich beim SBV sozusagen die Ursachen bekämpfen und mich politisch für Sehbehinderte engagieren. Der Stellenwechsel brachte einen Umzug nach Zollikofen mit sich.

Meine Zeit als SBV-Zentralsekretär war intensiv und der Verband wuchs enorm. Als ich meine Stelle antrat, hatte er etwa zehn fest angestellte Mitarbeitende und einen Jahresumsatz von einer halben Million. Am Schluss betrug der Umsatz rund 16 Millionen und die Zahl der Mitarbeitenden war auf 70 angestiegen. Nach zwölf Jahren brauchte ich eine Veränderung.

Sie kam; allerdings nicht, wie ich sie mir gewünscht hätte. Der damalige Vorstand entzog mir sein Vertrauen und wählte mich Ende 1993 als Zentralsekretär ab. Für mich war es ein Schock. Aber ich hatte grossen Rückhalt in der Familie, und auch innerhalb des SBV hatte ich viel Unterstützung. Ich reduzierte mein Arbeitspensum und nahm eine Stabsstelle in der Interessenvertretung und Sozialpolitik an. So konnte ich weiterhin das tun, was ich gerne tue, mich politisch und konzeptuell für Sehbehinderte engagieren.



Von meiner Zeit als Psychologe ist mir das Interesse an philosophischen Fragen, an Sinnsuche, geblieben. Ich versuche, Werten auf den Grund zu kommen. Solche Fragen sind gerade auch in der Auseinandersetzung mit einer Behinderung relevant. Was bedeutet die Einschränkung durch eine Behinderung? Welches Potenzial kann daraus entstehen, welche Werte erlangen zusätzliche Bedeutung?

Ich bin von einem humanistischen Menschenbild geprägt. Jeder Mensch hat ein Potenzial und das Recht, dieses zu entfalten. So bin ich als Blinder zwar eingeschränkt im Wahrnehmen von visuellen Eindrücken, nicht aber im Erkennen und Sehen im weiteren Sinn. Ich bin auch nicht darin eingeschränkt, mich auszudrücken. Ich muss die richtigen Fragen stellen und das Richtige suchen, dann ist meine Blindheit für viele Dinge irrelevant.

Allerdings bietet unsere Gesellschaft nicht allen Menschen die geeigneten Rahmenbedingungen, um sich voll zu entfalten. Sehbehinderte Menschen brauchen hierzu in vielen Dingen andere Rahmenbedingungen als sehende. Dies ist der Grund, warum ich für den SBV-Zentralvorstand kandidiert habe. Als Verantwortlicher für das Ressort Interessenvertretung will ich mich zusammen mit unsern professionellen Stellen und den vielen ehrenamtlich engagierten SBV-Leuten dafür einsetzen, dass Sehbehinderte wie andere in unserer Gesellschaft die besten Rahmenbedingungen vorfinden, um sich zu entfalten und ihr Potenzial auszuschöpfen.





Quelle: Der Weg, Organ des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, SBV, Nr. 6 2009