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Wege zum Beruf. Sieben Portraits

Fleischermeister, Ärztin, Taxidispatcher ...Unter dem Titel "wenn man uns lässt" stellt Karen Sophie Thorstensen in Nr. 3 2008 von "Horus", der Zeitschrift des deutschen Vereins Blinder und Sehbehinderter, sieben blinde und sehbehinderte Menschen und ihre Beufe vor. Sie will damit keine neuen "Blindenberufe" propagieren. Doch sie will Mut machen, auf dem Weg zum Beruf auch ungewöhnliche Möglichkeiten nicht von Anfang an auszuschliessen.



Meine Aufgabe im Förderzentrum für Blinde und Sehbehinderte gGmbH in Berlin-Steglitz ist die Förderung neuer Berufsperspektiven für Blinde und Sehbehinderte. Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich häufig Kontakte mit Arbeitgebern und Mitarbeitern von Personalabteilungen. Aus diesen Kontakten erhoffe ich, Arbeits- oder Ausbildungsplätze für Menschen mit einer Sehschädigung zu akquirieren. In der Regel haben meine Gesprächspartner keine Erfahrungen im Umgang mit Blinden und wissen von Blinden und Sehbehinderten nichts - woher auch, wenn ihnen noch niemand begegnet ist? Sie können sich nicht vorstellen, welche beruflichen Leistungen blinde Menschen erbringen können und denken, dass sie in ihrem speziellen Betrieb keinen geeigneten Arbeitsplatz haben.




Ich sprach mit acht Blinden und Sehbehinderten über ihren beruflichen Werdegang und über die Tätigkeit, die sie heute ausüben, über die Grenzen, die sich durch die Sehbehinderung ergeben, aber auch über die besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die vorhanden sind. Um ein komplettes Bild zu erhalten, war die Mitwirkung der Arbeitgeber unverzichtbar, ich wollte auch ihre Erfahrungen aufzeigen.


Ich vertrete mit der vorliegenden Arbeit keinen wissenschaftlichen Anspruch. Die Auswahl ist subjektiv getroffen und sicherlich nicht repräsentativ.

Früher gab es Berufe, die für Blinde und Sehbehinderte besonders geeignet waren, wie Steno- und Phonotypisten, Telefonisten, Masseure und verschiedene Handwerks- und Industrieberufe. Durch die rasante Entwicklung in den letzten zehn bis 15 Jahren auf dem Arbeitsmarkt, durch den Einsatz neuer Technologien und durch das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen, fallen diese Berufe häufig weg. Neue Berufe entstehen, welche Möglichkeiten haben heute Blinde und Sehbehinderte?

Ich möchte mit den acht Portraits nicht neue "Blindenberufe" einführen, doch meine Überzeugung ist, dass wir stärker denn je nach Nischen schauen müssen und bei der Beratung und Ausbildung eher individuelle Ansätze anwenden sollten. Hier finden sich einige Beispiele dafür, welche Möglichkeiten Blinde und Sehbehinderte im Beruf haben können, wenn man ihnen die Chance dazu bietet.

Den Kontakt zu den Interviewpartnern bekam ich durch Vermittlung von Kollegen aus Einrichtungen und Projekten der beruflichen Bildung Sehgeschädigter und von den Selbsthilfeverbänden, vor allem jedoch durch Anzeigen in Zeitschriften für Blinde und Sehbehinderte.


Der Fleischermeister


Name des Arbeitnehmers: Jens Marx
Arbeitsstelle: Fleischerei Marx, Am Vindberg 5, 21516 Woltersdorf
Tätigkeit: Fleischermeister
Beruf des Arbeitnehmers: Fleischermeister
Beginn der Arbeitsaufnahme: 1998
Anstellungsverhältnis: Vollzeit und unbefristet
Eingesetzte Hilfsmittel: Fernsehlesegerät, Geräte mit großen beleuchteten Anzeigen
Zuschüsse/Finanzierung: drei Jahre Lohnkostenzuschüsse
Behinderung: sehbehindert, Schwarzschriftleser
Datum: 7. Mai 2001


Wie mein Vater bin auch ich in Folge einer angeborenen Sehnervenlähmung sehbehindert. Ich kann schwer beschreiben, wie ich sehe, aber lesen geht nur mit dem Fernsehlesegerät, ich ermüde schnell. In der Ferne sehe ich schlecht, was ich erkennen kann, erscheint mir jedoch recht deutlich.

Meine Berufswünsche waren Koch, Bäcker oder Fleischer wie mein Vater, ich entschied mich - sicherlich auch, weil wir die Fleischerei hatten - für letzteres. Ich bin gelernter Fleischer und konnte erfolgreich die Meisterprüfung ablegen. Jetzt arbeite ich mit im Familienbetrieb.

Ich besuchte die Regelschule hier im Nachbarort und kam gut klar. Fähige und engagierte Lehrer machten sich große Mühe, mich zu unterstützen. Ab der 5. Klasse gab es zusätzliche Unterstützung durch eine Ambulanzlehrerin aus der Staatlichen Schule für Sehbehinderte in Schleswig, einer Einrichtung, die sehgeschädigten Schülern und ihren Lehrern an Regelschulen Hilfestellungen bietet. Ich bekam mein erstes Lesegerät, mit dem ich Bücher einfacher lesen konnte und ein Monokular, das mir das Ablesen von der Tafel ermöglichte. In der Schule ging es mir gut, die anderen Schüler hänselten mich nicht. Sie fanden meine Sehhilfen eher interessant.

Die Staatliche Schule in Schleswig bot Seminare - u.a. zum Thema Berufsfindung - für sehbehinderte Schüler an Regelschulen an. Ich nahm an einem solchen Seminar teil und bekam ein Praktikum in einer Hotelküche vermittelt. Das hat Spaß gemacht, aber ich entschied mich dennoch für den Beruf des Fleischers. Während meiner Berufsschulzeit hatte ich regelmäßigen Kontakt mit den Lehrern in Schleswig, die mit Rat und Tat behilflich waren. Ich ging bei dem Fleischer in die Lehre, bei dem ich mein Berufspraktikum in der 9. Klasse gemacht hatte. Er war anfangs besorgt, dass ich über Kisten stolpern könnte, aber nach den zwei Wochen Praktikum bot er mir an, bei ihm anzufangen. Weder bei der Berufsausbildung noch bei der Meisterschule hatte ich größere Probleme: Ich saß ganz vorn beim Lehrer mit meinem Lesegerät und meinem Monokular, ansonsten habe ich sicher immer weniger gelesen als die anderen, sondern eher den Unterricht aufmerksam und genau verfolgt. Ich konnte mir das, was im Unterricht passierte, gut merken. Ein paar Mal haben Mitschüler zwar gemeint, ich könnte den Beruf wohl kaum ausüben, sehbehindert wie ich war. Aber oft ist mir das nicht passiert. Im Gegenteil: Als ich meine Meisterprüfung geschafft hatte, bekam ich Applaus!

Besondere Hilfsmittel brauche ich bei meiner Arbeit nicht, aber wir achten darauf, dass die Anzeigen der Geräte besonders groß und möglichst beleuchtet sind. Ich kann fast alle zum Beruf gehörenden Arbeiten verrichten, nur das Schlachten ist schwierig, weshalb unsere Mastschweine zum Schlachthof gebracht werden. Ich zerlege die Tiere, das Fleisch wird zugeschnitten und für die Wurstherstellung zerkleinert. Natürlich arbeite ich viel mit dem Messer, aber es gibt auch Maschinen, wie den Fleischwolf oder den feineren Cutter, die ich bediene. Die Gewürzdosen, die ich benutze, habe ich extra groß beschriftet und außerdem haben sie feste Plätze, damit ich nicht lange suchen muss.

Wir haben auch einen kleinen Verkaufsladen hier. Verkaufen ist nicht schwierig. Ich kenne die Auslage und habe an der Stückware, wie Bierschinken, verschiedenfarbige Bänder, damit ich unterscheiden kann, ob sie mit oder ohne Knoblauch zubereitet sind. Der Umgang mit dem Geld ist schwieriger, da brauche ich immer etwas Zeit, weil ich die kleinen Münzen schlechter unterscheiden kann.

Ich kann meinen Beruf gut ausüben und bin gerne Fleischer. Nach Beendigung der Lehre habe ich verschiedene Stellen, z.B. auch in der Fleischabteilung eines Supermarktes, gehabt. Ich brauche Ruhe und meinen eigenen Arbeitsrhythmus, zum Beispiel beim Fleischsortieren. Dafür arbeite ich sehr genau. Die Wichtigkeit dieser inneren Ruhe und der eigenen Arbeitsroutinen habe ich von meinem Vater gelernt. In einer Fabrik könnte es sein, dass ich mit dem Tempo nicht mithalten kann, auch mit meinen handwerklichen Ansprüchen an die Qualität meiner Arbeit würde ich an einem solchen Arbeitsplatz nicht glücklich werden.

Ein Traum, den ich gern noch realisieren würde, wäre die Ausbildung zum Betriebswirt des Handwerks. Bei dieser Ausbildung lernt man moderne Betriebsführung und Marketing, was wohl in der Zukunft immer wichtiger wird. Wenn wir die Genehmigung zum Bauen erhalten, möchten wir ein neues, größeres Betriebsgebäude errichten, unter anderem auch mit modernen Personalräumen.


Der Musiktherapeut


Name des Arbeitnehmers: Olaf Garbow
Arbeitsstelle: Verein für integrative Angebote e.V. (Via e.V., Schnellerstraße 94, 12439 Berlin)
Tätigkeit: Musiktherapeut
Beruf des Arbeitnehmers: Diplommusiktherapeut
Beginn der Arbeitsaufnahme: Juli 2000
Anstellungsverhältnis: ABM Teilzeit, befristet auf ein Jahr
Eingesetzte Hilfsmittel: keine
Zuschüsse/Finanzierung: ABM-Zuschüsse und Arbeitsplatzassistenz
Behinderung: blind, Punktschriftleser
Datum: 10. Mai 2001


Ich bin seit frühester Kindheit blind und habe eine Ausbildung zum Diplom-Musiktherapeuten am Institut "Johanna von Schultz" in Berlin-Zehlendorf absolviert. Die Ausbildung dauerte vier Jahre und ich schloss sie 1996 ab.


Ich kann sagen, dass ich meinen Traumberuf ausübe, ich bin schon immer musikinteressiert gewesen und spiele mehrere Instrumente. Also war es naheliegend, einen Beruf zu ergreifen, der zum einen mit Musik und zum anderen mit Menschen zu tun hat.


Ich bewarb mich in Heidelberg an einer Fachhochschule um einen Studienplatz. Den bekam ich jedoch nicht, weil man dort der Meinung war, dass ein Blinder diesen Beruf nicht ausüben könnte. Beim Institut Johanna Schulz hatte man solche Bedenken nicht, nach einer zweiwöchigen Hospitation begann ich 1992 dort die Ausbildung zum Musiktherapeuten. Während des Studiums musste ich verschiedene Praktika absolvieren, die meisten waren Einzeltherapien, die im Institut stattfanden. In einem längeren Praktikum arbeitete ich an einer Schule für geistig Behinderte in Marburg. Nach Ende des Studiums ergab sich zunächst mal eine Pause von etwa einem halben Jahr. Dann bekam ich, nach und nach, mehrere Honorarverträge in verschiedenen Einrichtungen, unter anderem 1997 beim Verein für integrative Angebote.


Im Moment bin ich im Rahmen einer einjährigen AB-Maßnahme bei dem Verein für integrative Angebote beschäftigt. Ich arbeite in verschiedenen Projekten des Vereins und werde zusätzlich an zwei Einrichtungen des Union Hilfswerkes "ausgeliehen", weil ich noch freie Kapazitäten habe. Diese Regelung kam durch die enge Kooperation zwischen VIA e.V. und dem Union Hilfswerk zustande.


Ich bin insgesamt an zehn verschiedenen Einsatzorten tätig, die jedoch zum Teil weit voneinander entfernt liegen, so dass ich viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringe. An jedem Wochentag arbeite ich in zwei unterschiedlichen Einrichtungen. Das Spektrum der Patienten, die in meine Therapie kommen, reicht von mehr oder minder stark geistig Behinderten über Menschen mit psychischen Behinderungen und Alkoholkranken bis zu demenz-kranken Menschen. Ich biete sowohl Gruppen- als auch Einzeltherapie an.


Die Arbeit mit den Klienten macht mir großen Spaß und ich kann meinen Beitrag zu einer guten Atmosphäre zwischen den Gruppenteilnehmern leisten. Auch wenn das Aktivitätsniveau und die körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen der Patienten sehr unterschiedlich sind, weiß ich, dass sie die Musik gern haben und so gut mitmachen, wie sie können. Wir singen, hören zusammen Musik, machen Körperbewegungen, tanzen, spielen Perkussionsinstrumente oder können "Phantasiereisen" unternehmen. Auch die klangliche Umsetzung von Märchen wird therapeutisch verwendet.


Es ist für mich schwerer, mit weniger aktiven Gruppen zu arbeiten, wie auch mit Patienten, die nicht sprechen.


Durch die vielen verschiedenen Einsatzorte bin ich in keiner Einrichtung richtig fest integriert. Der Kontakt mit den Kollegen ist auf diese Weise schwer zu bewerkstelligen. Oft fehlt mir der Austausch über die Patienten und auch die Kontinuität in der Arbeit mit ihnen. Ich empfinde nicht, dass es Konflikte mit den anderen Mitarbeitern gibt, sondern eher, dass ich übersehen werde oder nicht dazugehöre.


Seit Anfang meiner ABM habe ich einen Assistenten, der ebenfalls über eine AB-Maßnahme vom Arbeitsamt finanziert wird. Er ist primär für die Begleitung eingestellt, ist jedoch aufgrund seiner guten Beobachtungsgabe in der Arbeit mit größeren Gruppen für mich sehr hilfreich. Bei Einzeltherapien ist er meistens nicht anwesend, weil das störend wirken könnte und ich außerdem seine Hilfe dort nicht benötige.


Ich wünsche mir für die Zukunft schon, dass die ABM verlängert wird, würde aber gern in weniger Projekten eingesetzt werden, dafür jedoch intensiver und kontinuierlicher Einzel- und Gruppentherapien anbieten, als es heute möglich ist. Ich träume von einem eigenen Therapieraum mit einer Klangwiege, vielen Perkussionsinstrumenten, vielleicht auch einem Klavier, einem festen Ort, damit ich bessere Klänge erzeugen könnte und nicht so viele Instrumente mit mir herumtragen müsste.


Die Empfangsdame


Name des Arbeitnehmers: Magda Ehrismann
Arbeitsstelle: Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Marburg, Pilgrimstein 17, 35037 Marburg
Tätigkeit: Empfang, Sachbearbeiterin, Telefonistin
Beruf des Arbeitnehmers: Datenverarbeitungskauffrau
Beginn der Arbeitsaufnahme: 1994
Anstellungsverhältnis: Vollzeit und unbefristet
Eingesetzte Hilfsmittel: blindengerechte Telefonanlage, Braillezeile, Flachbettscanner
Zuschüsse/Finanzierung: drei Jahre Lohnkostenzuschuss nach der Einstellung, Zuschüsse für die Hilfsmittelbeschaffung
Behinderung: blind, Punktschriftleserin
Datum: 6. November 2000


Ich bin seit frühester Kindheit vollblind, legte 1989 an der Blindenstudienanstalt in Marburg mein Abitur ab und absolvierte danach bis 1992 an derselben Einrichtung eine Ausbildung als Datenkauffrau. Ich erfuhr dann, dass die GEWOBAU einen blinden Mitarbeiter für die Telefonzentrale suchte, und bewarb mich. Vermutlich suchten sie damals gezielt nach blinden Mitarbeitern, weil einer der Angestellten seinen Zivildienst an der Blindenstudienanstalt geleistet hatte und wusste, dass Blinde solche Tätigkeiten ausüben und es Lohnkostenzuschüsse dafür geben kann.


Die Tätigkeit war von Anfang an in der Telefonzentrale angesiedelt, aber ich war auch als Sachbearbeiterin zur Unterstützung des technischen Dienstes für die Abwicklung von Reparaturen tätig. Der Empfang kam mit dem neuen Geschäftsführer 1996 als zusätzlicher Arbeitsbereich hinzu.


Die Zusammenarbeit mit dem technischen Dienst mache ich heute noch und gerade diesen Teil meiner Tätigkeit mag ich besonders gern. Ich nehme die Aufträge der Mieter telefonisch an - z.B. wenn die Heizung nicht funktioniert, ein Rollo klemmt oder ähnliches - und vermittle sie entweder an unseren Hausmeisterdienst oder an eine Firma, die mit der Reparatur beauftragt wird. Es macht Sinn, die Aufträge telefonisch weiterzuleiten, weil es schneller geht.


Mit der Empfangstätigkeit tat ich mich am Anfang schwer, ich musste meine Routinen entwickeln, um mitzubekommen, wer sich im Eingangsbereich aufhält, und wie ich die Kommunikation mit den Besuchern am Besten gestalte. Die Besucher hier müssen alle klingeln und ich betätige den Türöffner. Ich mache die Glasscheibe hier auf und signalisiere somit, dass ich mit ihnen Kontakt suche. Meistens funktioniert das auch gut. Ich glaube nicht, dass die Besucher überhaupt merken, dass ich nicht sehen kann. Zumindest hat mich noch nie jemand darauf angesprochen.


Da mein PC und auch die Telefonanlage inzwischen aufgrund der technischen Entwicklung veraltet sind, bin ich gerade dabei, mit meinem Chef zusammen neue Hilfsmittel zu beantragen. Den Kontakt zu einer Firma, deren Braille-Zeilen ich kenne, habe ich selbst hergestellt. Ich möchte, dass der Berater der Hilfsmittelfirma die Koordination zwischen der Herstellerfirma der Telefonanlage und den EDV-Kollegen hier im Haus übernimmt, damit ich eine gut funktionierende Arbeitsplatzausstattung und eine gute Einweisung in den Gebrauch der neuen Geräte bekomme.


Die Kommunikation untereinander könnte manchmal etwas besser funktionieren. Oft vergessen die Kollegen, mir Bescheid zu sagen, wenn sie zu Außenterminen gehen, oder ich erfahre nicht, wer im Urlaub ist. Allerdings glaube ich, dass das ein ganz normales Problem ist, es hat mit meiner Behinderung nichts zu tun. Ich hoffe, dass ich besser an Informationen beteiligt werde, wenn wir hier vernetzt sind, was nach dem Umzug in die neuen Geschäftsräume passieren soll.


Mit meinen Kollegen hier komme ich gut aus. Ich gehe entweder alleine in die Kantine oder mit Kollegen, die mir auch helfen, wenn es nötig ist. Zur Arbeit fahre ich mit dem Bus, aber nach Hause werde ich oft von einem Kollegen mitgenommen, der bei mir in der Nähe wohnt.


Ich wünsche mir für die Zukunft vor allem, dass ich genug zu tun habe! Ich möchte gerne mehr Sachbearbeitung übernehmen, gerne auch weiterhin den technischen Dienst unterstützen, weil ich gut organisieren kann und weil diese Tätigkeit abwechslungsreich ist. Ansonsten habe ich gute Arbeitsbedingungen und verdiene besser als im öffentlichen Dienst - also keinen Grund, mich zu beklagen.


Die Pädagogin


Name des Arbeitnehmers: Guiseppina Dolle
Arbeitsstelle: Kindertagesstätte Bluma Mekler, Brüder-Hornemann-Str. 3, 24537 Hamburg
Tätigkeit: Sozialpädagogin
Beruf des Arbeitnehmers: Sozialpädagogin
Beginn der Arbeitsaufnahme: 15.02.99
Anstellungsverhältnis: Teilzeit, befristet, Sozialpädagogin, AB-Maßnahme, 30-Stunden/Woche
Eingesetzte Hilfsmittel: Punktschriftmaschine, verschiedene handelsübliche oder adaptierte taktile und auditive Spiele
Zuschüsse/Finanzierung: ABM-Mittel für zwei Jahre, im ersten Jahr Sachmittel zur Anschaffung von blindengerechten Spiel- und Arbeitsmaterialien, Kostenübernahme für die Arbeitsplatzassistenz
Behinderung: blind und Punktschriftleserin
Datum: 20. November 2000


Ich habe seit meiner Geburt "Grünen Star" (Glaukom), konnte in meinen ersten Jahren jedoch noch etwas sehen, so z. B. Farben. Wie lange mein Sehrest anhielt, weiß man nicht genau, denn es dauerte einige Jahre, bis mir klar wurde, dass ich vieles höre und nicht sehe. Jetzt bin ich vollblind. Ich bin im Rahmen einer AB-Maßnahme in einer großen Tagesstätte für Kinder in Hamburg-Snelsen tätig.


1988 legte ich an der Carl-Strehl-Schule in Marburg meine Abiturprüfung ab und arbeitete anschließend im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Sozialzentrum der AWO in der Nähe von Frankfurt. Hier war ich teils im Bereich Kinderbetreuung, teils im geriatrischen Bereich eingesetzt; ich war sogar auf der Pflegestation, wo ich alle pflegerischen Tätigkeiten mitmachen durfte. Einmal sollte ich einen Mann rasieren, ich sagte aber, dass ich das nicht könnte. Da sagte die Vorgesetzte: "Ach, das arme blinde Kind kann das nicht! Komm" ich zeige dir, wie das geht!" Na ja, und dann konnte ich auch das. Mir wurde viel zugetraut und ich habe viel gelernt.


Nach dem Studium Sozialwesen an der Gesamthochschule Kassel war ich nicht sicher, ob ich in diesem Bereich tatsächlich arbeiten wollte und schloss eine Ausbildung als Rundfunkdokumentarin an. Inzwischen hatte ich meinen jetzigen Mann kennengelernt und beschloss deshalb, nach Hamburg zu gehen. Hier in Hamburg war ich zunächst arbeitslos und wollte die Zeit sinnvoll nutzen, also suchte ich mir verschiedene Praktika. Aufgrund einer Initiativbewerbung, die ich an verschiedene große Träger schickte, auch an das Deutsche Rote Kreuz, kam der Kontakt zu meiner jetzigen Kita-Leiterin zustande, die mich zu einem Gespräch einlud. Sie stellte klar, dass sie zwar keine Stelle für mich hatte, aber dass sie gerne bereit wäre, mir eine Chance zu geben. So fing ich zunächst ehrenamtlich an, hier zu arbeiten, ich glaube, ein oder zwei Tage in der Woche. In Zusammenarbeit mit der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung - damals noch in Frankfurt a.M. - schafften wir es, eine ABM für zunächst ein Jahr und eine Verlängerung um ein weiteres Jahr genehmigt zu bekommen.


Ich biete Aktivitäten für Einzelkinder oder kleine Gruppen von Kindern an. Meine Angebote gelten besonders dem Sinnes- und Körperwahrnehmungsbereich. Wir spielen gemeinsam Fühlspiele und Spiele, bei denen das Hören oder Riechen wichtig sind, oder ich stimuliere die Körperwahrnehmung, indem ich sie u. a. mit Igelbällen abrolle. Das mögen die Kinder gern. Außerdem biete ich Übungen zur Sprachanbahnung an: Wir haben hier einen hohen Ausländeranteil in der Bevölkerung, so dass viele Deutsch lernen müssen.


Ich habe eine Assistentin, die ebenfalls im Rahmen einer ABM arbeitet. Sie hilft mir bei der Erstellung von Arbeitsmaterial, wie der Beschriftung von Bilderbüchern in Punktschrift, und beim Adaptieren von Spielen. Im ersten Jahr hatte ich Sachmittel und konnte einiges für mich geeignetes Spielmaterial kaufen, was mich im Spiel mit den Kindern selbständiger gemacht hat. Zum Beispiel arbeite ich mit Tast- und Hörmemories oder Geräuschlotto, bei dem es Geräusche auf einer CD gibt, die mit den dazugehörigen Bildern zusammengebracht werden sollen. Wir haben einen großen Tastfisch gebastelt, dem man ins Maul greifen kann, um dort Gegenstände zu suchen und herauszuholen, ohne sie vorher zu sehen. Für mich ist es unmöglich, Kinder auf dem Spielplatz zu beaufsichtigen, ich gehe jedoch in Begleitung von Kollegen auch mit den Kindern raus. Die Kinder mögen es gerne, mich zu führen und sie machen das auch gut.


Mir ist nicht bekannt, dass Eltern Probleme mit meiner Behinderung hatten, jedenfalls hat mir keiner etwas gesagt. Gewiss mussten die Kollegen sich an mich gewöhnen und herausfinden, was sie mir zutrauen können. Aber inzwischen werde ich gebeten, Gruppen zu beaufsichtigen, auch wenn andere da sind, die das tun könnten. Leider fehlt mir ein eigener Raum für meine Angebote, es wäre damit ruhiger und angenehmer für mich und auch für die Kinder. Seit einigen Monaten moderiere ich einen Qualitätszirkel unseres Trägers und löse das Problem mit dem Flipchart, indem ich die Kollegen bitte zu schreiben.


Zukunftswünsche? Erstmal die ABM hier zu Ende führen und dann - vielleicht ein eigenes Kind? Falls ich doch weiterarbeite, wünsche ich mir eine Stelle außerhalb einer AB-Maßnahme.


Der Taxidispatcher


Name des Arbeitnehmers: Ralf Öllinger
Arbeitsstelle: Taxiruf Köln, Bonner Wall 37, 50677 Köln
Tätigkeit: Disponent
Beruf des Arbeitnehmers: Bürokaufmann
Beginn der Arbeitsaufnahme: Januar 1999
Anstellungsverhältnis: unbefristet und Vollzeit
Eingesetzte Hilfsmittel: Braillezeile
Zuschüsse/Finanzierung: drei Jahre Lohnkostenzuschüsse und Zuschüsse für technische Hilfen am Arbeitsplatz
Behinderung: blind und Punktschriftleser
Datum: 12. Dezember 2000


Ich bin 27 Jahre alt und vollblind. Ich besuchte in Marburg an der Carl-Strehl-Schule die 7. und 8. Klasse. Nachdem ich die 8. Klasse wiederholt und ein Jahr an der Berufsfachschule in Marburg absolviert hatte, beschloss ich, zum Berufsbildungswerk nach Soest zu wechseln, und erhielt dort eine dreijährige Ausbildung zur Bürokraft. Danach besuchte ich im Berufsförderungswerk in Düren einen Lehrgang für Telefonmarketing. Bei diesem Lehrgang ging es hauptsächlich um den Umgang mit Kunden am Telefon und um den Einsatz von Datenbanken, was mir heute in meiner jetzigen Tätigkeit sehr nützlich ist.


Die Kollegen in Düren waren sehr aktiv und hilfsbereit, als es darum ging, für mich eine Stelle zu finden. Sie waren es, die den Kontakt zum Taxiruf Köln vermittelten. Ich war der einzige Bewerber, also war es für mich relativ einfach. Ich hatte ein Bewerbungsgespräch mit meinem späteren Vorgesetzten Herrn Schössler, dieses fiel positiv für mich aus. Am nächsten Tag rief ich beim Taxiruf an und teilte mit, dass ich dort gerne arbeiten möchte.


Ich begann im Januar 1999 meine Tätigkeit und habe eine feste, unbefristete Stelle. Meine Aufgabe hier ist es, Taxen an Kunden zu vermitteln. Wenn der Kunde anruft, trage ich in meinem PC den Namen und die Adresse ein, bei Vorbestellungen gibt es ein Feld für die Uhrzeit. Dann kommen die besonderen Wünsche, wie Rauchertaxi, Kindersitz, Kombi usw. Ich beende das Gespräch mit Pfeiltaste abwärts, dann geht der Auftrag automatisch an den nächstgelegenen Taxistand oder den Wagen, der sich am nächsten zur Adresse befindet. Ich habe eine Punktschriftzeile und kann an der Zeile den Bildschirminhalt lesen. Das geht sehr schnell.


Probleme kann es natürlich hin und wieder geben, z.B. wenn es mehrere Straßen mit dem gleichen Namen gibt. Dann muss ich den Kunden so lange am Telefon festhalten, dass ich ihn fragen kann. Ich musste zum Beispiel lernen, dass es zwei Josefstraßen in Köln gibt, die eine wird mit "f" geschrieben, die andere mit "ph", so etwas muss man wissen! Man bekommt aber auch Routine.


Wenn es Reklamationen gibt, gehen die selbstverständlich auch bei mir ein. Ich muss dann die Daten in eine Suchmaske eintragen und ermitteln, von wem die Fahrt übernommen wurde und wann. Wir haben in jeder Schicht einen Kollegen, der für den Funkkontakt mit den Fahrern zuständig ist, er kümmert sich dann weiter um diesen Fall.


Im Gegensatz zu den anderen Kollegen habe ich eine feste Arbeitszeit, weil ich außerhalb von Köln wohne und von den öffentlichen Verkehrsmitteln abhängig bin. Das war aber kein Problem. Ich habe guten Kontakt zu meinen Kollegen und auch zu meinem Vorgesetzten. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es so weiter gehen soll, ja, und vielleicht auch, dass noch mehr solche Arbeitsplätze wie meiner eingerichtet werden könnten. Das wäre gut! Und mit der Zeit auch eine Frau und Familie - sonst bin ich sehr zufrieden, so wie ich lebe.


Die Leiterin des Reinigungsdienstes


Name des Arbeitnehmers: Regina Winklhofer
Tätigkeit: Vorarbeiterin im Reinigungsdienst
Beruf: Hauswirtschafterin
Adresse des Arbeitgebers: Rehaklinik Prinzregent-Luitpold Traunfeldstraße 13, 83435 Bad Reichenhall
Beginn der Tätigkeit: Januar 1990
Anstellungsverhältnis: Vollzeit und unbefristet
Eingesetzte Hilfsmittel: Lupe
Zuschüsse: Keine
Behinderung: Hochgradig sehbehindert, GdB 90
Datum: 22. Januar 2001


Ich bin Hauswirtschafterin und Kinderpflegerin und arbeite in einer Reha-Klinik für Kriegsversehrte als Vorarbeiterin im Reinigungsdienst mit Weisungsbefugnis für die Küche. Ich bin für neun Kollegen verantwortlich. Zurzeit lege ich meine Meisterprüfung als Hauswirtschafterin ab.


Ich bin seit meiner Geburt sehbehindert. Mein Sehvermögen beträgt auf dem einen Auge ca. zehn Prozent und auf dem anderen ca. 20 Prozent. Wie andere Mädchen meines Alters vom Lande sollte ich eine Hauswirtschaftsschule besuchen, um dann später zu heiraten. Ich wollte aber gerne die mittlere Reife erreichen, und das erkämpfte ich mir, indem ich eine Berufsfachschule für Hauswirtschaft besuchte. Ich erhielt dort auch eine Ausbildung zur Kinderpflegerin, war jedoch sehr traurig, als mein Augenarzt mir mitteilte, dass ich diesen Beruf aufgrund der möglichen Probleme mit der Aufsichtspflicht nicht ausüben könnte. Nach Abschluss der Ausbildung heiratete ich und bekam ein Kind.


Um ein Taschengeld zu verdienen, arbeitete ich als Reinigungskraft in Pensionen und Hotels sowie in einer Gebäudereinigungsfirma. In der Reha-Klinik bewarb ich mich vor elf Jahren um eine ausgeschriebene Halbtagsstelle im Reinigungsdienst. Zwei Jahre später wurde daraus eine Ganztagsstelle und nach weiteren zwei Jahren wurde ich Vorarbeiterin. Bei meiner Einstellung erzählte ich niemandem, dass ich sehbehindert bin. Ich war es gewohnt, nicht darüber zu sprechen. Da ich meine Arbeit immer gut machte, ist es auch keinem aufgefallen.


Ich wusste nichts vom Schwerbehindertengesetz oder anderen Leistungen für Behinderte. Darüber erfuhr ich von unseren Patienten. Ich stellte den Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis und bekam einen Grad der Behinderung von 90 % attestiert. Der erste, mit dem ich über meine Behinderung sprach, war der damalige Chefarzt. Er war ein lieber Mensch und hatte immer ein Ohr für seine Angestellten. Er vermittelte den Kontakt zur Schwerbehindertenvertretung. Überhaupt habe ich phantastische Vorgesetzte, sie verstehen und ermutigen mich, was sehr wichtig ist. Zum Zeitpunkt meiner Beförderung war ihnen meine Sehbehinderung bekannt.


Meine Aufgaben hier bestehen aus organisatorischen Tätigkeiten wie Dienst- und Urlaubspläne erstellen und Überstundenhefte führen. Außerdem bin ich für den Einkauf von Reinigungsmitteln und -geräten zuständig und führe die Gespräche mit den Vertretern entsprechender Firmen. Das mache ich gern, wir haben einen Stuhl mit Flecken, die nicht weggehen, daran können sie ihre Produkte gut testen! Natürlich führe ich auch selbst Reinigungsarbeiten durch. Meine Kontrollen sind im Haus gefürchtet! Ich kann riechen, wenn ein Raum nicht regelmäßig geputzt wird, und wenn die Putzlappen nicht täglich gewechselt wurden. Ob Fliesen ordentlich gereinigt wurden, kann ich gut feststellen, wenn ich mit der Hand entlang streiche, dasselbe gilt für die Kalkränder nicht geputzter Waschbecken. Wie viele Bahnen ich mit dem Reinigungsautomaten fahren muss, um einen Korridor zu putzen, kann ich ausrechnen, weil ich weiß, wie breit das Gerät und der Korridor sind, der Korridor ist hinterher blitzsauber!


Meine Dienstpläne schrieb ich bisher mit der Hand und ließ sie dann von meiner Tochter oder von einem Kollegen im Schreibdienst in den PC tippen. Inzwischen habe ich einen eigenen PC gekauft mit 19 Zoll Bildschirm und erledige fast alle Schreibarbeiten selber. Ich habe im Büro eine Lupe, die mein Arbeitgeber bezahlt hat. Außerdem helfen mir liebe Kollegen, die mir z.B. das Kleingedruckte auf den Kanistern mit Reinigungsmitteln vorlesen, damit ich eigene Zettel mit größerer Schrift daran kleben kann.


Die Klinik wird nun verkauft, aber ich habe nach einigen Kämpfen endlich einen Gestellungsvertrag erhalten und kann eine Mitarbeiterin des Freistaates Bayern bleiben.


Ich könnte mir auch vorstellen, ganz was anderes zu tun, vielleicht eine Berater- oder Vermittlertätigkeit, um Sehenden zu vermitteln, was es heißt, sehbehindert zu sein, und für mehr Verständnis und Toleranz zu werben. Ich habe eine Ausbildung im Bereich der chinesischen Medizin gemacht, vielleicht wäre auch in diesem Arbeitsfeld etwas möglich? Zurzeit besuche ich außerdem noch den berufsbegleitenden Lehrgang zur Hauswirtschaftsmeisterin. Im Juli 2002 ist Abschlussprüfung. Auf jeden Fall mag ich den Spruch der Chinesen: "Alles, was ihr nicht mit Liebe macht, bleibt im Land des Todes". So könnte mein Credo lauten, ganz gleich, welche Arbeit ich ausübe.


Die Ärztin


Name des Arbeitnehmers: Cordula von Brandis-Stiehl
Arbeitsstelle: Praxis v. Brandis-Stiehl
Bunsenstr. 1, 35037 Marburg.
Tätigkeit: Ärztin und Psychotherapeutin
Beruf des Arbeitnehmers: Ärztin und Psychotherapeutin
Beginn der Arbeitsaufnahme: ärztliche Praxis seit 1999
Anstellungsverhältnis: selbstständig
Eingesetzte Hilfsmittel: PC, Braillezeile, Sprachausgabe, Scanner, für den mobilen Einsatz Laptop mit kleiner Braillezeile und Sprachausgabe, zusätzlich Punktschriftmaschine, Kassettenrekorder ,Tafel und Stift
Zuschüsse/Finanzierung: Hilfsmittel von der Hauptfürsorgestelle, Vorlesekraft von der Hauptfürsorgestelle
Behinderung: blind, Punktschriftleserin
Datum: 6. November 2000


Ich bin Ärztin für Psychotherapie mit eigener Praxis in Marburg. Da in meinem Leben vieles durch langwierige und harte Kämpfe erreicht wurde, war der Weg dorthin auch nicht gerade, sondern eher verschlungen.


Wie mein Vater und zwei meiner Geschwister habe auch ich eine genetisch bedingte, progressive Augenerkrankung, Ritinitis Pigmentosa, die unterschiedlich aggressiv verläuft und, wie in meinem Fall, zur völligen Erblindung führen kann. Mit 17 Jahren erfuhr ich von dieser Erkrankung und beschloss nach dem Abitur, zunächst Mathematik und Biologie zu studieren, um Lehrerin zu werden. Mein eigentlicher Berufswunsch war Ärztin. Deshalb entschied ich mich, nach dem Referendariat für ein Zweitstudium der Medizin, obwohl es Bedenken auf Grund meiner Sehbehinderung gab.


Ich wollte immer im Ausland studieren und so ergab es sich, dass ich mein Medizinstudium in Santander, Nordspanien, absolvierte. Während meiner Studienzeit in Spanien war die Sehbehinderung noch nicht so gravierend. Ich hatte Probleme im Dunkeln, ich war blendempfindlich und brauchte auch zum Lesen gutes Licht. Kurz vor meiner Abschlussprüfung bekam ich allerdings eine Netzhautablösung, musste mich vielen Operationen unterziehen und erblindete. Mit Hilfe von lieben Freunden und vor allem von meiner Mutter schaffte ich es, als völlig frisch erblindeter Mensch meine letzte mündliche Prüfung abzulegen, und war somit Ärztin.


Nun musste ich ganz von vorn anfangen: Ich musste lernen, wie man sich als Blinde orientiert, wie man liest und schreibt und wie man alltägliche, lebenspraktische Fertigkeiten als Blinde verrichten kann. Nach meiner Reha-Maßnahme bei der Blindenstudienanstalt in Marburg machte ich in der Landesklinik für Psychiatrie ein sechswöchiges Praktikum und beschloss, mich in Marburg als Fachärztin für Psychiatrie/Psychotherapie zu spezialisieren. Während dieser Zeit konnte ich in der Klinik viele wichtige Erfahrungen in unterschiedlichen Arbeitsbereichen sammeln.


Der Umgang mit den Patienten bot wenig Probleme, sie empfanden meine Behinderung selten als störend. Ich musste sehr sensibel für ihre krankheitsbedingten Grenzen sein, so gibt es z.B. Menschen mit akuter Psychose oder Alkoholdelir, die keinen Körperkontakt ertragen. Bei diesen konnte ich keine körperlichen Untersuchungen durchführen, weil ich sie dafür über das normale Maß hinaus hätte anfassen müssen. Mit den Kollegen war es unterschiedlich: Es gab durchaus einige, die mich ermutigten und mich unterstützten, aber auch solche, die überzeugt waren, dass es für mich unmöglich ist, als blinde Ärztin zu praktizieren. Sicher hatten einige Probleme damit, mich als gleichwertige Kollegin anzuerkennen. Wenn ein Arztkollege im Raum war, aber nichts sagte, war er leider für mich unsichtbar. Ich hätte dann schon erwartet, dass man darauf aufmerksam macht, dass der Raum nicht leer ist.


Der Weg, den ich zurücklegen musste, um wenigstens eine Berufserlaubnis zu bekommen und letztlich zumindest als Ärztin für Psychotherapie in meiner eigenen Praxis praktizieren zu können, war ziemlich lang und verworren: Als Überbrückung legte ich vor dem Gesundheitsamt eine Prüfung als psychotherapeutische Heilpraktikerin ab und praktizierte bis zum Erlass des Psychotherapeutengesetzes auch als solche. Als ich dann die ärztliche Berufserlaubnis bekam und die Berechtigung, mit den Kassen abzurechnen, musste ich die Heilpraktikererlaubnis abgeben. Meine Spezialgebiete sind Patienten mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen. Ich bin tiefenpsychologische Gesprächstherapeutin, setze aber gern kreative Behandlungsmethoden ein, wie die Katathym-imaginative Therapie (Tagtraumtechnik), die sich sehr stark mit Phantasien und Symbolen beschäftigt, aber auch die Bewegungstherapie.


Ich habe schon sehr viele meiner Träume verwirklichen können, sowohl beruflich als auch privat. Im Augenblick wäre mein großer Traum, mit einem Gleitschirm zu fliegen.




Aus: Karen Sophie Thorstensen: "Wenn man uns lässt… Blinde und Sehbehinderte im Beruf". 2002, gefunden in der Onlineausgabe von Horus 3/2008
http://www.dvbs-online.de/horus/2008-3-4380.htm