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Es muss nicht immer eine kaufmännische Lehre sein. Patric Vuillème – ein blinder Mechaniker

Eigentlich sollte Patric Vuillème Telefonist werden, doch der blinde Bauernsohn aus dem Kanton Neuenburg hatte andere Pläne. - Ein Bericht von Jean-Marc Meyrat, der Weg Nr. 5, 2009



Patric Vuillème wurde am 16. April 1961 in einem kleinen Neuenburger Dorf im Val-de-Ruz geboren. Es befindet sich zwischen Neuenburg und der Uhrenmetropole La Chaux-de-Fonds, die vor kurzem als Unesco-Welterbe anerkannt worden ist. Der Bauernsohn trägt den Spitznamen Boubi, eine Zusammensetzung von Bibi, der Spitzname seines Cousins, und Bouillu, ein Kosename, den er in seiner frühen Kindheit erhalten hat. Den Namen Boubi verdankt er seiner Grossmutter. Wegen einem angeborenen Grünen Star beginnt Patric seine Schulzeit als blindes Kind im Blindenheim in Lausanne, dem damaligen Pädagogischen Zentrum für sehbehinderte Kinder. Die letzten zwei Jahre der obligatorischen Schulzeit absolviert er in Cernier, wo die Familie wohnt.


Boubi steht auf Mechanik



Als guter Bauernsohn ein Autodidakt macht sich Boubi an sämtliche Motoren heran, die er in die Finger kriegen kann. Zuerst werden die Mopeds seines Bruders und seiner Schwester einer sorgfältigen Pflege unterzogen. Danach wendet sich Boubi Höherem zu, den landwirtschaftlichen Maschinen. Es ist daher alles andere als naheliegend, dass die Invalidenversicherung, unterstützt von seinen Eltern, unsern Mechaniker zu einer Ausbildung als Telefonist drängt.


Nach zweikurzen Aufenthalten in Basel und im Ausbildungszentrum ORIPH in Pomy bei Yverdon beschliesst Patric Vuillème endgültig, dass er sich in Mitten von Werkzeugen und dem Lärm grosser Maschinen besser fühle als in einer Umgebung von kleinen Knöpfen und dem Blabla der Telefonzentrale. In Morges schliesst er seine Ausbildung in Mechanik ab, bevor er in seinem Heimatkanton erstmals eine Anstellung findet, wo er fünf Jahre bleibt. Anschliessend wechselt er zur Firma Felco, die seit 1946 Garten und Haushaltsscheren herstellt.


Zu Beginn seiner beruflichen Tätigkeit wird Patric von der Invalidenversicherung mit einer Halbrente unterstützt. Da er im Hinblick auf das Gesetz zu viel verdient, wird die Rente jedoch aufgehoben. Mit einem Augenzwinkern berichtet Boubi vom Schreiben, in dem ihm die IV mitteilte, sie erachte ihn als geheilt.


Die Informatik frisst ihre Kinder




So lange die Informatik nützlich ist, hat Boubi ein ausgezeichnetes Verhältnis dazu. Aber sobald ihr Arbeitsstellen zum Opfer fallen, wird er misstrauisch. Man versteht dies leicht, werden in der Mechanikindustrie doch gerade die repetitiven Arbeiten, die oft von behinderten Arbeitskräften ausgeübt werden, als erstes den Robotern übertragen. Aber unser Boubi hat mehr als nur einen Pfeil im Köcher. Dankseiner Vielseitigkeit und seinem Lerneifer bemüht er sich, sich der Situation anzupassen. Den Lärmschutzhelm in der Hand scheut er nicht davor zurück, die Werkstatt immer wieder zu wechseln und seine Fähigkeiten dort zur Verfügung zu stellen, wo diese gebraucht werden. Glücklicherweise produziert die Firma Felco auch in kleinen Serien von rund 40’000 Stück, für die es rentabler ist, einen Arbeitnehmer zu beschäftigen, als einen Roboter zu entwerfen. Dies gilt auch, wenn der Angestellte behindert ist.


Gute Integration dank guten Chefs




Patric ist sich vollkommen bewusst, dass eine harmonische Integration nicht ohne den guten Willen des Vorgesetzten erfolgen kann. Ein familiäres Umfeld fördert diese Haltung. Zum Vorarbeiter Michel hat Boubi Bande geknüpft, die eher an eine komplizenhafte Freundschaft von gegenseitigem Vertrauen geprägt, als an ein hierarchisches Verhältnis erinnert.


Es ist in einem solchen Arbeitsklima, wo Herr Gander, einer der ältesten Mechaniker des Betriebs, eine Presse herstellt, die eigens auf die Arbeit des sehbehinderten Kollegen zugeschnitten ist.


Nebst seiner Vollzeitbeschäftigung fährt Patric Ski und Tandem. Mit seinem Kollegen Gilbert geht er gerne auf Reisen. ...


Quelle: Der "Weg", Organ des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, Nr. 5, September 2009