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Schweizer Hochschulen – integrationsfreundlich? Die Ergebnisse einer ersten umfassenden Untersuchung ergeben ein zwispältiges Bild

Im europäischen Raum wird seit den Neunzigerjahren intensiv über die Frage nachgedacht, wie im Hochschulbereich Zugang und erfolgreiche Partizipation für Menschen mit Behinderungen verbessert werden können. In der Schweiz gibt es zwar schon seit einigen Jahren Anlaufstellen an einzelnen Hochschulen, vor allem an den Universitäten Zürich und Basel. Aber wie ist die Situation an den anderen Hochschulen? Wie stellen sich Hochschulen zu Menschen mit Behinderungen? Wie erleben die betroffenen Studierenden ihre Situation? Wie viele Studierende gibt es überhaupt, die von einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit betroffen sind? – Um solche und ähnliche Fragen ging es in der Nationalfondsstudie "Menschen mit Behinderungen an Schweizer Hochschulen", deren Schlussbericht jetzt vorliegt.



von
Susan Gürber, Judith Hollenweger und Andrea Keck, Pädagogische Hochschule Zürich




Im Rahmen der Studie "Menschen mit Behinderungen an Schweizer Hochschulen" wurden im Zeitraum von 2001 bis 2005 alle Schweizer Hochschulen und alle Studierenden aus drei ausgewählten Hochschulen befragt. Mit einer ausgewählten Gruppe von Studierenden wurden zudem vertiefende Interviews geführt.


Schweizer Hochschulen – integrationsfreundlich?




Die Hochschulen wurden 2001 zu ihren Zulassungs- und Prüfungsbedingungen, ihrem Beratungsangebot sowie zur Zugänglichkeit ihrer Gebäude und Verfügbarkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien befragt. Von den angeschriebenen 93 Universitäten und Fachhochschulen in der deutschen und französischen Schweiz haben sich 45 (63,6 Prozent der Universitäten, 47,5 Prozent der Fachhochschulen) an der Befragung beteiligt. Nur 15 Prozent der befragten Hochschulen kennen explizite Zulassungsbeschränkungen in Bezug auf Krankheiten und Behinderungen, die meistens mit der späteren Berufsausübung (z.B. Bühnentänzerin) begründet werden.
Fragt man die Hochschulen jedoch danach, bei welchen Behinderungen sie von einem Studium abraten würden, zeigen sich grosse Unterschiede nach Behinderungsarten. Insbesondere bei Blindheit, Gehörlosigkeit und psychischen Behinderungen würden nur rund ein Drittel der Hochschulen nicht von einem Studium abraten. Auch in anderen Bereichen zeigt sich eine Diskrepanz zwischen wenigen, formal festgelegten Hürden und real wirkenden Barrieren: Ein grosser Teil der Hochschulen gibt an, genügend Beratungskompetenz und eine grosse Bereitschaft zu haben, Menschen mit Behinderungen zu beraten; gleichzeitig fehlt es ihnen aber an behinderungsrelevantem Fachwissen. Anpassungen von Prüfungsmodalitäten sind grundsätzlich zugelassen, werden aber kaum angewendet. Insgesamt können die Ergebnisse wie folgt zusammengefasst werden: Die Hochschulen wollen nicht diskriminieren, doch wirken sich fehlende Informationen und fehlendes behinderungsrelevantes Wissen sowie schädigungsspezifische Vorurteile bezüglich den Fähigkeiten von Studierenden mit Behinderungen für die Betroffenen negativ aus.


Studierende mit Behinderungen an Schweizer Hochschulen




Da die Schweizer Hochschulen Studierende mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten nicht statistisch erfassen, sind Aussagen zu ihrer Zahl, ihren Beeinträchtigungen und ihrer Situation an den Hochschulen erst über Befragungen der Betroffenen möglich. Wie eine Ende 2003 durchgeführte Befragung aller Studierenden der Universität Zürich, Universität Basel und der Pädagogischen Hochschule Zürich ergab, liegt der Anteil von Studierenden mit Gesundheitsproblemen bei 12,7 Prozent. Der grösste Teil davon leidet unter einer chronischen Krankheit, von einer Behinderung sind 2,2 Prozent betroffen. In absoluten Zahlen ergibt das z.B. für die Universität Zürich einen Anteil von 261 Studierenden mit Behinderungen und 1148 Studierenden mit chronischen Krankheiten. Die Anteile der Studierenden mit Gesundheitsproblemen variieren kaum nach Geschlecht oder Nationalität. Interessanterweise stammen aber die Studierenden mit Behinderungen signifikant häufiger aus Familien mit tieferen Bildungsabschlüssen als die übrigen Studierenden. Vermutlich geben bei den Jugendlichen mit einer Behinderung weniger materielle Ressourcen den Ausschlag für ein Studium, sondern die Tatsache, dass die Ausübung eines handwerklichen bzw. körperlich anstrengenden Berufes behinderungsbedingt nicht möglich ist. Hier eröffnen sich, besonders für männliche Jugendliche, neue Ausbildungs- und Berufsperspektiven.
Wie die Befragung zeigt, scheint ein Hochschulstudium grundsätzlich sowohl für Sinnesbehinderte und Körperbehinderte als auch für chronisch oder psychisch Kranke möglich zu sein. Rund ein Fünftel der Studierenden mit Gesundheitsproblemen (21,5 Prozent) weist eine Beeinträchtigung des Stütz- und Bewegungsapparates auf, je 13-14 Prozent leiden unter psychischen Krankheiten, Stoffwechsel- oder Hautkrankheiten. Studierende mit Seh- oder Hörbehinderungen oder mit Schädigungen des zentralen Nervensystems sind mit Anteilen zwischen 3,9-5,2 Prozent etwas kleinere Gruppen. Hingegen leidet fast die Hälfte (45,7 Prozent) der behinderten oder chronisch kranken Studierenden (auch) unter Allergien und Atemwegserkrankungen.
Durch ihre Gesundheitsprobleme fühlt sich rund die Hälfte der Studierenden im Studium beeinträchtigt, allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmass. Besonders stark ist die Beeinträchtigung, wenn gesundheitsbedingt Schwierigkeiten bei studiumsspezifischen Aktivitäten (z.B. Bücher verwenden, schreiben, organisieren des Arbeitstags) oder bei der Kommunikation auftreten (z.B. geschriebene oder gesprochene Sprache verstehen, Telefon- oder Gruppengespräche führen). Dies ist vor allem bei Studierenden mit psychischen Erkrankungen, Lernproblemen, Hörbehinderungen oder mit Schädigungen des zentralen Nervensystems der Fall. Der Bedarf nach einer Assistenz ist bei diesen Studierenden denn auch am grössten.
Allerdings kann die Beeinträchtigung selbst bei gleicher Krankheits- oder Behinderungsart ganz unterschiedlich hoch sein. Der Grund dafür liegt zum einen in der individuellen Ausprägung der Krankheit bzw. Behinderung und in der Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld. Zum anderen scheint es – bedingt durch die Studienstrukturen – auch Unterschiede in der Studierbarkeit von Studienfächern zu geben.
Aus diesen Ergebnissen lässt sich ableiten, dass die Einschätzung der Studierbarkeit von Studienfächern sowie die Unterstützungsmassnahmen sich nicht an Kategorien von Behinderungsarten orientieren sollten, sondern auf den individuellen Fall abgestimmt sein müssen. Es braucht also eine korrekte Einschätzung der vorhandenen Kompetenzen und behinderungsbedingten Einschränkungen, welche mit den Anforderungen eines spezifischen Studienfachs verglichen wird. Zudem muss der Zugang zu kompetenter Beratung für Studierende mit Behinderungen verbessert werden. Die Beratungsstelle sollte inner- und ausserhalb der Hochschule vernetzt sein und sollte als Schnittstelle zwischen den betroffenen Studierenden und ihren Dozenten/-innen dienen.


Erfahrungen beim Berufseinstieg nach dem Hochschulstudium




Entscheide betreffend Anschlusslösungen nach einem Hochschulstudium, wie Berufseinstieg, akademische Karriere oder Anschlussstudium, hängen aus der Sicht der Betroffenen oft mit ihrer Behinderung oder Krankheit – etwa mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes – oder mit der Diskriminierung bei der Arbeitssuche zusammen.
Einzelne der Befragten haben eine Arbeitstätigkeit an einer Hochschule aufgenommen oder hätten sich dies gewünscht, da sie dort flexibler, bei freierer Zeiteinteilung arbeiten könnten. Aber bei der Entscheidungsfindung für oder gegen das Einschlagen einer akademischen Karriere fühlen sich die Betroffenen wie schon beim Studienbeginn allein gelassen und vermissen entsprechende Beratungsangebote.
Der Einstieg in ein anvisiertes Berufsfeld kann aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund behinderungsbedingter Einschränkungen nicht oder nur in unbefriedigendem Mass möglich sein. Gründe für das Nicht-Gelingen des gewünschten Einstiegs können aber auch die als Diskriminierung erlebten Fehleinschätzungen von Fähigkeiten und Potenzial der Betroffenen seitens der Entscheidungsträger, potenzieller Arbeitgeber oder Sozialversicherungen sein. Diese Beschneidung der Entwicklungschancen kann für die betroffenen Personen sehr frustrierend sein. Die sich daraus ergebenden Lebensperspektiven werden entsprechend besorgt geschildert:
"Ein Problem ist, ich habe eine gute Ausbildung und sehe, dass ich mein Leben lang am Existenzminimum leben werde. Mir ist Geld prinzipiell nicht so wichtig, aber einfach einmal in die Ferien gehen können, ohne sich das lange überlegen zu müssen, das sind Lebensqualitäten, die ich wahrscheinlich nie haben werde. Irgendwann hat man das Studentendasein ja schon satt und möchte ein bisschen mehr." (Interviewpartnerin mit Multipler Sklerose)
Eine Interviewpartnerin führt die Absage auf ihre Bewerbung als Sportlehrerin trotz sehr gutem ETH-Diplom und Zusatzausbildungen für eine Stelle an einer Schule für Sehbehinderte auf Vorurteile gegenüber ihrer Sehbehinderung und auf die fehlende Bereitschaft, Anpassungen vorzunehmen, zurück. "Immer wenn man nach einer Absage nachfragt, sagen sie zuerst, es sei nicht wegen der Behinderung, und wenn man nachhakt, ist es immer wegen der Behinderung."
Sie sah sich verschiedentlich bei Bewerbungen dazu genötigt, trotz guten Zeugnissen ihre Fähigkeiten zusätzlich zu beweisen.
"Ich habe einfach den Wunsch, dass die Leute mir glauben, dass ich diese Diplome gemacht habe, dass ich meine Fähigkeiten nicht noch ein halbes Jahr lang zusätzlich beweisen muss zu dem, was man schon schriftlich hat. Andere stellen sie auch gleich in eine gute Position ein."
Ihre Forderung, als individuelle Person mit ihren Fähigkeiten, ihrem intellektuellen Potenzial und ihren Interessen ernst genommen und gleichwertig behandelt zu werden wie "Nicht-Behinderte" und nicht aufgrund der Behinderung mit auf Unwissen oder Unsicherheit basierenden Zuschreibungen versehen zu werden, teilen viele der Befragten.


Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Befragten von aussen auf sie einwirkende Behinderungen und Diskriminierungen während des Hochschulstudiums oder beim Übertritt ins Berufsleben ähnlich erleben. Der persönliche Umgang mit behinderungsbedingten Einschränkungen und mit be-hindernden Umweltfaktoren ist jedoch unterschiedlich und individuell geformt. Wie die drei Untersuchungsperspektiven (Hochschulen, Studierende, individuelle Bildungsverläufe) deutlich machen, bleibt im Hochschulbereich hinsichtlich einer erfolgreichen, auf Chancengerechtigkeit beruhenden Partizipation von Menschen mit Behinderungen noch Einiges zu tun.


Literaturangabe


Hollenweger, Judith, Gürber, Susan & Keck, Andrea (2005). Menschen mit Behinderungen an Schweizer Hochschulen. Befunde und Empfehlungen. Zürich: Rüegger





Hier geht's zur Infoseite zu dem Buch beim Rüeggerverlag

Unter dem Titel "Studium und Behinderung" erschienen in: agile – Behinderung und Politik, Ausgabe 1-07

Das ganze Heft ist dem Schwerpunkt Ausbildung und Behinderung gewidmet. Online finden Sie es hier!