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Schwerbehinderte AkademikerInnen in Deutschland. Hilfe bei der Jobsuche

Unter dem Titel "Schwere Zukunft für Schwerbehinderte" berichtete der Deutschlandfunk am 6. Februar 2007 in "Campus und Karriere" über die Vermittlung von "schwerbehinderten" AkademikerInnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Anlass ist die geplante Umstrukturierung der bisherigen "Zentralstelle für Arbeitsvermittlung" in Bonn, einer Spezialstelle der Bundesagentur für Arbeit, BA.

Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung vermittelt seit 1954 Akademiker und Führungskräfte mit einem hohen Behinderungsgrad. Doch die Reform der Bundesagentur für Arbeit geht auch an der ZAV nicht spurlos vorbei. Die Vermittlungsstelle für schwerbehinderte Akademiker wird umstrukturiert und die Interessenverbände der Behinderten laufen Sturm.


6. Februar 2007 leer Anführungsstriche Schweineschnitzel Schweizer Art leer... Anführungsstriche



Der Spracherkennungsapparat von Burkhard Hautow kann nicht nur den Kantinenspeiseplan seines Brötchengebers aus dem Intranet vorlesen, er spricht fast alles, was andere Leute am Computer lesen. Burkhard Hautow ist blind und er ist Finance Analyst beim Autobauer Ford in Köln. Nach dem BWL Studium in Marburg mit Schwerpunkt Logistik zeichnete sich bereits ab, dass die Automobilindustrie ein spannendes Arbeitsfeld für ihn sein könnte.


"Und hab dann am Ende des Studiums mich mit dem Herrn Schwarzbach von der ZAV zusammengesetzt und dort haben wir erstmal überlegt, wie sieht das Profil aus, was möchte ich gerne und welche Möglichkeiten gibt es da überhaupt reinzukommen Und dann haben wir uns überlegt, wie wir genau vorgehen, also wer welche Schritte unternimmt."


Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn, das war bisher die Anlaufstelle bei der Jobsuche für Akademiker mit einer starken Behinderung wie Burkhard Hautow. Das Team aus sechs Mitarbeitern bot nicht nur Stellen an, die von Arbeitgebern an sie herangetragen wurden, sie reisten regelmäßig durch Deutschland und versuchten Personalchefs zu überzeugen, dass Schwerbehinderte durchaus gute, produktive und hochmotivierte Mitarbeiter sein können. Und sie boten Unterstützung an. Während Burkhard Hautow seine Bewerbung ans Unternehmen schickte, vereinbarte sein Betreuer bei der ZAV einen Termin, um bei Ford zu erklären, das Hilfsmittel wie eben die Spracherkennung bezahlt werden und unter Umständen auch Zuschüsse zu den Lohnkosten fliessen. Für Burkhard Hautow trug diese Betreuung Früchte.


"Also ich war sehr zufrieden, auch wenn ich es vom Erfolg her betrachte, ich bin fertig geworden im Herbst 2002, wir hatten uns dann das erste mal im Januar zusammengesetzt und im Juni konnte ich dann schon die Stelle hier bei Ford antreten und die Kontakte und die Möglichkeiten, die er hatte, da kann ich nur sagen, war ich sehr zufrieden."


Auch bei der ZAV weiß man, dass die Arbeit der Fachvermittlung für schwerbehinderte Akademiker sehr geschätzt wurde. Doch seit Anfang des Jahres hat die Reform der BA auch die ZAV erreicht und die Betreuung speziell für Betroffene mit einer starken Behinderung soll es in der bisherigen Form nicht mehr geben.


"Die Betreuungsangebote sollen breiter angelegt sein, also die Konzentration auf die Arbeit in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in einem kleinen sechsköpfigen Team soll verlagert werden zu Teilen in die Fläche, das bedeutet, das mit der guten Netzwerkarbeit, die die ZAV in diesem Bereich gemacht hat und macht, das diese Netzwerkarbeit, die Ergebnisse in die Fläche gegeben werden sollen", erklärt Pressesprecherin Sabine Seidler. In die Fläche geben, das bedeutet, dass fünf der sechs Planstellen in Deutschland verteilt werden, der bisherige Teamleiter bleibt als Koordinator in Bonn. Die Vermittlung auch der schwerbehinderten Akademiker soll künftig in den Arbeitsagenturen vor Ort stattfinden, wo auch weniger stark behinderte Akademiker und andere Behinderte bisher betreut werden. "Die ZAV hat einen kleinen Teil dieser Zielgruppe bedient, dh also wir waren darauf konzentriert, schwerstbehinderte Akademiker und schwerbehinderte Führungskräfte zu vermitteln. Und das Ziel ist, das die Angebote, die wir auch über die Netzwerkarbeit gemacht haben. (:::), das wir diese Angebote allen, unabhängig von dem Grad ihrer Behinderung zur Verfügung stellen, dh das wir alle die Bedarf haben, Arbeit zu finden, bedienen können. 5.00 Das ist ein zentrales Ziel, alle bedienen, nicht nur einen kleinen Ausschnitt und einfach mehr insgesamt."


Dreitausend behinderte Akademiker sind zum Beispiel 2005 in eine Beschäftigung gekommen. Davon hat die ZAV lediglich 214 in den Job gebracht, eben solche mit einer besonders schweren Behinderung. Die Bundesagentur will, so sagt Sabine Seidler, die Erfahrungen nun an die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen vor Ort und auch die Berater in den Argen weitergeben und so noch bessere Ergebnisse erreichen. Nur: die Interessenverbände der Behinderten fürchten eher das Gegenteil.


Heinz Willi Bach ist Leiter der Fachgruppe Wirtschaft und Sprecher des Behindertenverbandes dvbs: "Ich frage Sie, und ich frage das rhetorisch: Sind Fachleute mit diesen Kompetenzen in allen 180 Agenturen für Arbeit vorhaltbar? Bei Leuten, die auch noch vieles andere zu tun haben? Wir jedenfalls hegen große Besorgnis, dass die Teilhabe von behinderten Hochschulabsolventen auf diese Weise drastisch zurückgehen wird. Wir begrüßen Zusammenarbeit, aber: Nicht ZAV plattmachen, bevor die Alternative ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt hat."


Und noch etwas irritiert die Betroffenen, die ja auch Kunden der Agentur für Arbeit sind: zu keinem Zeitpunkt hat man sich mit ihnen beraten oder über die geplanten Veränderungen informiert. "Im Grund stochern wir mit der Stange im Nebel, wir sind auf Gerüchte angewiesen. Deshalb bleibt uns auch nichts anderes übrig, als alle Kanäle zu nutzen, um Sturm zu laufen gegen eine Entscheidung, die für unsere Personengruppe einfach verheerend wirkt."


Ganz endgültig ist die Entscheidung wohl auch bei der ZAV noch nicht gefallen, denn: "Wir haben schon angefangen diese Planung umzusetzen (...) aber wir warten jetzt nochmal ab, der Verwaltungsrat der BA schaut sich nochmal das Konzept an und das warten wir jetzt erstmal ab."


Quelle: Deutschlandfunk - Campus & Karriere, 06.02.2007


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