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Technologie für Behinderte: Kleine Schritte auf dem Weg zur Barrierefreiheit

Dass behindertengerechte Websites und Apps Umsätze und Nutzerzahlen wachsen lassen, wissen Unternehmen wie Google, Apple und Facebook seit langem. In der Schweiz reift diese Erkenntnis langsamer. - Henning Steier 6.5.2016, NZZ



Diese Woche ist Lukas Bucher wieder einmal an einem neuen Android-Smartphone verzweifelt. Der 23-jährige Zürcher ist von Geburt an stark sehbehindert. Jedes Mal, wenn er ein neues Handy kauft, muss er jemanden bei der Einrichtung um Hilfe bitten, denn die Menüs sind für ihn unbenutzbar. Google will es nicht nur ihm bald leichter machen: Der Suchmaschinist wird Nutzern des für Herbst erwarteten Android N bereits beim ersten Blick auf den Willkommensbildschirm viele Einstellungsmöglichkeiten geben. So wird man beispielsweise den gesamten Bildschirminhalt durch dreifaches Tippen vergrössern lassen oder nur die Schriftgrösse anpassen können.


Seit kurzem kann man zudem die Google-App Voice Access testen, mit der sich Android vollständig sprachsteuern lässt. Sie ist damit eine Weiterentwicklung des seit 2012 verfügbaren Assistenten Google Now und des bereits 2011 mit Android 4.0 lancierten Dienstes TalkBack: Dieser liest Bildschirmelemente vor. Sagt man in Voice Access beispielsweise «Open Chrome», wird der Browser geöffnet. In Apps kommt man beispielsweise mit «Scroll down» weiter. Somit hilft einem Voice Access besser weiter als etwa Apples Siri und Microsofts Cortana.


Wer nicht sehbehindert ist, aber beispielsweise unter Lähmungen oder Tremor leidet, für den bietet sich eine Funktion an, die grafische Elemente mit Nummern versieht. Sagt man also «Tap on 3» wird die entsprechende Schaltfläche angeklickt. Das Interesse ist offenbar zu gross. Denn Google lässt zurzeit keine weiteren Tester mehr zu. Man kann die Installationsdatei von Voice Access aber nach wie vor manuell herunterladen. Naturgemäss wird mancher Interessent dabei Hilfe brauchen.


Ebenfalls noch in der Testphase ist ChromeVox Next, eine verbesserte Vorlesefunktion für Chrome OS, das Betriebssystem der Chromebooks. Chrome OS ist aber nach wie vor ein Nischenbetriebssystem. Deutlich wichtiger ist Barrierefreiheit im Mobilbetriebssystem Nummer 1 Android beziehungsweise den Apps dafür. Daher bietet Google seit Mitte April den Accessibility Scanner an. Mit diesem können Entwickler überprüfen, ob ihre Applikationen für Sehbehinderte geeignet sind. Die App schlägt beispielsweise Alarm, wenn der Kontrast zu gering oder die Schrift zu klein ist. Im kurzen Test der NZZ fielen Instagram und Snapchat durch, Spotify und Netflix konnten durchaus überzeugen. Facebook liegt irgendwo dazwischen.


Das grösste Social Network ist in puncto Barrierefreiheit auch sehr aktiv. Eine Neuerung: Seit Anfang April erhalten manche der hochgeladenen Bilder testweise Alt-Text, den Screenreader erfassen und Sehbehinderten vorlesen können. Wie so viele ist auch dieses Angebot zum Start nur für englischsprachige Nutzer verfügbar, in diesem Fall in den USA, Grossbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland. Wann weitere Länder und Sprachen folgen sollen, hat Facebook noch nicht verraten.


Laut Facebook kann die auf einem neuronalen Netz basierende Objekterkennungstechnonologie rund 100 Konzepte identifizieren. Eine Beschreibung könnte etwa lauten: «Foto zeigt drei Menschen, in der Natur, lächelnd». Standardmässig kann ein Screenreader auf Facebook nur vorlesen, welches Mitglied ein Bild hochgeladen hat.


Wie Google setzt Facebook auch auf blinde Entwickler, um solche Projekte voranzutreiben. In diesem Fall ist es Matt King, der dem System gern eine Gesichtserkennung spendieren würde. Sein Argument: Blinde sollen auch wissen, wer auf dem Bild zu sehen ist. Das wäre aber wohl in vielen Ländern datenschutzrechtlich problematisch: Denn dann müsste jedes Foto, das auf Facebook hochgeladen wird, einer Gesichtserkennung unterzogen werden. Für Diskussionen darüber ist @fbaccess, das Twitter-Konto von Facebooks Barrierefreiheitsteam, nicht gedacht. Man erfährt aber direkt von den Machern, woran sie arbeiten und kann ihnen Feedback geben.


Bessere Browserlupe


Microsoft hat ebenfalls ein entsprechendes Twitter-Konto. Die Roadmap für 2016 sieht laut Chief Accessibility Officer Jenny Lay-Flurrie unter anderem vor, die Sprachausgabe und Lupe für den eigenen Browser Edge zu verbessern und Software von Drittanbietern leichter nutzbar zu machen. In Mail und Office soll die Zahl der unterstützten Screenreader-Sprachen massiv erhöht werden. Der mit Office 2010 eingeführte Accessibility Checker, welcher Dokumente auf ihre Barrierefreiheit hin überprüft, soll in diesem Jahr auch für die Mac-Version der Bürosoftware bereitgestellt werden. Die mit Office 2016 lancierte Hilfsschaltfläche Was möchten Sie tun? soll noch in diesem Jahr in der iOS- und Android-Version zur Verfügung stehen.
Wie Microsoft gehört Apple zu den Pionieren bei der Barrierefreiheit: So hat das kalifornische Unternehmen 2009 mit dem iPhone 3GS das erste Smartphone mit VoiceOver, einer durchdachten Sprachausgabe-Software für Blinde, auf den Markt gebracht. «Und genau das muss das Ziel sein», sagt Osiris Roost, Chief Technology Officer (CTO) der Zürcher Webagentur Station AG im Gespräch mit der NZZ, «Gadgets müssen ab Werk barrierefrei sein.» Deswegen seien Googles Anstrengungen aller Ehren wert, aber ausbaufähig: «Warum ist zum Beispiel einer der wichtigsten Orientierungsdienste vieler Nutzer nicht barrierefrei: Google Maps?»


137 Fehler auf coopathome.ch


Auf wave.webaim.org kann man nachschauen, ob Websites barrierefrei sind. Beispielsweise meldet der Dienst für coopathome.ch 134 Fehler. Die Reaktion des Detailhändlers ist typisch für Website-Betreiber: «Coop versucht insbesondere bei den neuen Websites – Coop@home befindet sich im Relaunch – eine gute Balance zwischen sauberen HTML-Strukturen, Performance und Usability sicherzustellen.
Für Mondovino wurde zudem der Standard WCAG 2.0 bei der Template-Erstellung stark miteinbezogen. Bisher haben wir jedoch keine zusätzliche Unterstützung von Videos in Gebärdensprache oder Sprachausgabe implementiert», sagte Mediensprecher Urs Meier der NZZ.


Station, einer der grössten Schweizer Agenturen dieser Art, hat bisher rund 40 barrierefreie Projekte betreut. Das ist nicht immer leicht, denn kaum ein Entwickler bringt entsprechende Kenntnisse mit. Roost hat kürzlich 15 seiner Programmierer gefragt. Das Ergebnis: Keiner hat in seiner Ausbildung beziehungsweise seinem Studium etwas zum Thema Barrierefreiheit gelernt. 15 Prozent Mehrkosten veranschlagt Osiris Roost für die Entwicklung barrierefreier Websites und Dienste im Durchschnitt, wenn man dieses Kriterium von Anfang an in die Planung einbezieht.


Natürlich kämen auch noch Kosten für Wartung und Betrieb der Angebote hinzu: «Wer ein Bild hochlädt, muss es mit Alt Text versehen.» Und da sei man schnell bei einer der vier Ausreden, die Roost von Kunden immer wieder hört: Barrierefreie Angebote seien zu teuer, Behinderte seien nicht die Zielgruppe, man wolle keine gesunden Nutzer ausschliessen und das Angebot werde unästhetisch.


Roost kann sich regelrecht in Rage reden, wenn er daran denkt. Denn die Bedenken liessen sich kinderleicht zerstreuen: Seitenbetreiber gewönnen viele neue Kunden, welche die Mehrkosten wieder einspielten und Barrierefreiheit nähmen Gesunde kaum wahr. Nicht zuletzt seien solche Angebote auch in der Regel suchmaschinenoptimiert und liefen problemlos auf den verschiedenen Geräten und Plattformen. All das wisse man seit über zehn Jahren.


Parlamentswebsite mit Hindernissen


Offenbar ist das in Bern noch nicht angekommen. Denn die neue Version von Parlament.ch ist nicht barrierefrei, worauf unter anderem Nando Bosshart von der Goldacher Agentur Bosshartong unlängst hinwies. 2,7 Millionen Franken hat der Relaunch der Parlamentswebsite übrigens gekostet. «Das im Jahr 2004 in Kraft getretene Behindertengleichstellungsgesetz regelt auch die öffentlich zugänglichen Dienstleistungen des Bundes. Diese müssen für Menschen mit Behinderungen barrierefrei angeboten werden. Darunter fallen auch Internetangebote von Kantonen und Gemeinden sowie bundesnahen Betrieben wie Post und SBB. Für Kantone und Gemeinden ist in diesem Zusammenhang das Diskriminierungsverbot aus der Bundesverfassung anwendbar», erläutert Bernhard Heinser, Geschäftsführer der Zürcher Stiftung Zugang für alle, im Gespräch mit der NZZ.


«Das ist bei vielen Gemeinden und Kantonen noch überhaupt nicht angekommen. Beispielsweise kann man beim Zivilstandsamt des Kantons Basel-Landschaft seit kurzem beispielsweise den Geburts- und Heimatschein online bestellen – Blinde nicht.» Die Seite sei nicht barrierefrei. Dasselbe treffe auf viele Websites des Sozialversicherungswesens zu. «Wie es gehen kann, zeigt beispielsweise postshop.ch. Negativbeispiele sind viele Krankenkassen und gerade diese müssten doch auf Barrierefreiheit setzen.»


Zehn Prozent ausgeschlossen


Als vollkommen ungenügend erachtet Heinser die gesetzliche Verpflichtung privater Anbieter. «Die über Webdienste angebotenen Services nehmen explosionsartig zu. Sind sie nicht zugänglich, was meistens der Fall ist, schliesst man zehn Prozent der Bevölkerung a priori von ihrer effektiven Nutzung aus», sagt Heinser. «Klagemöglichkeiten sind äusserst limitiert. Private Anbieter können nicht auf die Beseitigung der Diskriminierung verpflichtet werden und riskieren im schlimmsten Fall eine Busse von 5‘000 Franken.» Dieser Sachverhalt stehe zu der von der Schweiz 2014 ratifizierten UNO-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen in krassem Widerspruch.


«Klageberechtigt wären nicht nur Einzelpersonen, sondern auch bestimmte Organisationen wie der Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV).» Dass es bisher zu keiner Klage gekommen ist, erklärt Heinser damit, dass die Organisationen an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert sind. Das gilt auch für die von ihm geleitete Stiftung, die das Barrierefreiheitszertifikat «Access for all» vergibt. Heinser muss also einerseits öffentlich für behindertengerechte Websites und Dienste trommeln, darf es sich aber andererseits mit potenziellen Auftraggebern nicht verderben. Zugang für alle zählt knapp 100 Kunden.


Videos in Büchern


Nicht nur Websites und Apps sind für Behinderte das Tor zur digitalen Welt. Gebärdensprache-Videos sind Heinser auch ein grosses Anliegen. Er geht aber davon aus, dass diese wegen der fehlenden Automatisierung bei der Erzeugung von Gebärdensprache noch auf sich warten lassen werden. Sehr grossen Nachholbedarf sieht Heinser bei elektronischen Dokumenten und E-Books: «Es ist ärgerlich, dass vielfach noch auf das Format PDF gesetzt wird. Dabei wäre der Standard Epub viel besser, denn er unterstützt unter anderem die Einbettung von Multimediadateien, so dass man beispielsweise Audioaufzeichnungen verwenden kann.»


Grosse Hoffnungen setzt Heinser auch in diesem Fall auf Markus Riesch: Sein Vorgänger bei Zugang für alle arbeitet seit 2015 beim Bund in Bern – als ‎Leiter der Fachstelle E-Accessibility. Der Vertrag des Einzelkämpfers läuft noch bis Ende 2017. Rieschs Halbzeitbilanz: «Zuerst haben wir die unterschiedlichen Bemühungen der Departemente auf einen Nenner gebracht. Nun definieren wir mit der Beschaffungskommission des Bundes, wie die Barrierefreiheit integraler Bestandteil von Projekte werden kann.» Ziel ist es, die Barrierefreiheit im IT-Projektmanagement-Tool Hermes zu verankern. Aber selbst das hätte den Fall parlament.ch nicht verhindert, denn für die Parlamentsdienste gelten die neuen Regeln nicht.


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