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Weltmeister im Aussondern? Die Integration und der 'neue Finanzausgleich', NFA, zwischen dem Bund und den Kantonen

Mit dem Inkrafttreten des NFA im Januar 2008 zieht sich der Bund aus der Finanzierung von Sonderschulen zurück. Das könnte den in der Schweiz seit einiger Zeit zu beobachtenden Trend zur Aussonderung von immer mehr 'schwachen' SchülerInnen stoppen oder sogar umkehren, denn Segregation ist nicht nur verkehrt, Segregation ist auch teuer.



Am liebsten alle zusammen




Iwona Meyer


Neue Luzerner Zeitung, 5.12.2007




Eine stille Revolution erreicht die Schulhäuser: die Integration lernschwacher und behinderter Kinder in die Regelklassen.


Die Schweiz ist ein Weltmeister im Aussondern», stellt Gérard Bless nüchtern fest. Der Professor für Heilpädagogik an der Universität Freiburg rechnet vor: Etwa 50 000 Kinder schweizweit werden in Sonder-, Klein-, Werkklassen und Sonderschulen unterrichtet und damit von den normal begabten, unauffälligen Kindern - was immer es auch heissen mag - separiert. Das sind mehr, als im ganzen Kanton Luzern Kinder schulpflichtig sind.


Dabei wurden in den vergangenen 25 Jahren die sonder- und heilpädagogischen Dienste sowie jede Art von Fördermassnahmen massiv ausgebaut: Logopädie, Schulpsychologie, Psychomotorik, Legasthenie, Dyskalkulie, Unterricht für Fremdsprachige, Aufgabenhilfe, Nachhilfeunterricht. Etwa ein Drittel der Kinder und je nach Kanton mehr nutzen irgendeine Fördermassnahme aus dem breiten Angebot. Das Ziel ist klar: Die Kinder sollen trotz einem Defizit in der Regelklasse weiterhin lernen können. Dennoch stieg die Anzahl ausgesonderter Kinder bis zum vergangenen Jahr kontinuierlich: Wurden Anfang der Achtzigerjahre schweizweit etwa 4,3 Prozent der Schüler in eine Sonderklasse zugewiesen, waren es 2005 6,2 Prozent. Erst 2006 ging die Zahl der Sonderschülerinnen und -schüler leicht zurück.


Dieser Rückgang erfüllt den Freiburger Professor mit Hoffnung: «Das Aussondern in diesem Ausmass muss ein Ende haben. Auch wenn man alle behinderten oder lernschwachen Kinder separiert hat, bleibt in jeder Klasse ein Kind, das am schwächsten ist. Denn der so genannte Durchschnitt der Kinder ist immer noch sehr heterogen. Damit muss die Regelschule umgehen lernen.»


Finanzieller Anreiz


Der Volksschule bleibt auch nichts anderes übrig: Seit drei Jahren gilt das Behindertengleichstellungsgesetz, das Kantone und Gemeinden - und damit auch die Schulen - dazu verpflichtet, die schwächeren und behinderten Kinder nach Möglichkeit zu integrieren. Der neue Finanzausgleich (NFA), der ab dem kommenden Jahr gilt, schafft zudem indirekt finanzielle Anreize für die Integration möglichst vieler behinderter Kinder in die Regelklassen, denn neu müssen Kantone und Gemeinden für die Kosten der Sonderschulung aufkommen und nicht mehr der Bund. «Wir rechnen damit, dass das integrative Modell tendenziell günstiger ist», bestätigt Walter Stählin, Schwyzer Erziehungsdirektor und Präsident der Zentralschweizer Bildungsdirektorenkonferenz.


Nicht zuletzt hat aber auch der internationale Pisa-Vergleich gezeigt, dass integrative Schule sehr wohl effizient sein kann: Die skandinavischen Länder, vorab Finnland, welche in den Pisa-Studien immer die vorderen Plätze besetzen, integrieren im internationalen Vergleich am intensivsten.


Pädagogisch wertvoll


Gérard Bless führt daher einzelne pädagogische Vorzüge des integrativen Modells ins Feld: Kinder, welche bisher in eine andere Gemeinde in die Sonderschule gehen mussten, bleiben neu am Wohnort, was ihre soziale Verwurzelung stärkt; lernschwache Schülerinnen und Schüler machen in der Regelklasse grössere Fortschritte als in der Kleinklasse; zudem scheinen sie leichter Zugang zur Berufsbildung zu finden, weil auf ihrem Lebenslauf das stigmatisierende Etikett «Sonderschule» oder «Werkklasse» fehlt. Gleichzeitig würden Untersuchungen aus der Schweiz und aus dem Ausland zeigen, dass Regelschülerinnen und -schüler in ihren Fortschritten durch die schwächeren oder behinderten Kollegen weder beeinträchtigt noch in ihrer Entwicklung gebremst werden.


«Tatsächlich wünschen sich auch immer mehr betroffene Eltern, dass ihre Kinder in die Regelklassen aufgenommen werden. Bereits jetzt integrieren wir daher zahlreiche Kinder mit erhöhtem Förderbedarf», stellt Theres Boss fest, Luzerner Lehrerin und Mitglied der Stadtluzerner Arbeitsgruppe, welche ein Konzept für die integrative Schule erarbeitet. Sie stellt aber klar: «Wenn wir Lehrpersonen die Möglichkeit bekommen, wirklich allen Kindern die geforderte individuelle Förderung zu geben, unterstützen wir diese Reform. Halbherzige und unprofessionelle Sparkonzepte lehnen wir aber ab.»


Moderater Weg


Drei Jahre Zeit haben die Kantone, um einen Plan für die integrative Schulung beim Bund einzureichen. Der Kanton Luzern, wo in zahlreichen kleineren und mittleren Gemeinden wie Buttisholz oder Adligenswil integrativ unterrichtet wird und wo insgesamt 45 (von etwa 500) Sonderschülerinnen und Sonderschüler mit einer geistigen Behinderung bereits heute in den Regelklassen lernen, will bis 2011 die Schulen mit Kleinklassen für die Integration motivieren. Genauere Terminvorgaben will man aber in der Zentralschweiz noch keine festlegen. Charles Vincent, Vorsteher des kantonalen Amts für Volksschulbildung: «Es soll keine Hauruckübung sein, sondern ein gleitender Übergang zum Wohl der Kinder und nicht der Ideologie. Dazu bietet die Basisstufe, die ab etwa 2011 eingeführt werden könnte und die integrativ angelegt ist, eine ausgezeichnete Ausgangslage.»


Auch Walter Stählin, Schwyzer Erziehungsdirektor, will nicht vorpreschen: «Anders als der Kanton Aargau, der bis 2012 Klein-, Einführungs- und Werkklassen aufheben will, wollen wir einen moderaten Weg gehen. Wir wollen mehr integrieren, weniger Klein- und Sonderklassen führen, diese jedoch nicht um jeden Preis abschaffen.»


Pensum reduzieren


Die beschwichtigenden Töne haben einen Grund: Obwohl sich die meisten Lehrerinnen und Lehrer für die Integration aussprechen, äussern sie auch Bedenken zur konkreten Umsetzung der Reform. Isabel Eberling zum Beispiel unterrichtet seit elf Jahren in der Primarschule Buttisholz überzeugt nach dem integrativen Modell: «Diese Reform bedeutet für alle Lehrpersonen klar Mehraufwand, denn lernschwache Kinder brauchen mehr Betreuungszeit. Die Lerneinheiten für diese Schülerinnen und Schüler müssen individuell zusammengestellt werden. Und da entsprechende Lehrmittel fehlen, braucht es genügend Unterstützungslektionen eines Heilpädagogen.» Eine grosse Herausforderung seien zudem verhaltensauffällige Kinder: «Es ist sehr anspruchsvoll, einem solchen Kind und gleichzeitig auch den andern Kindern gerecht zu werden. Darum sind eine hohe Präsenz des Heilpädagogen oder andere Time-out-Möglichkeiten zwingend.» Derzeit sehen die kantonalen Behörden vor, dass künftig pro Klasse etwa 150 Stellenprozente geschaffen werden, aufgeteilt auf eine Lehrperson und eine Heilpädagogin. Dies findet Otti Gürber, Präsident des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, nicht genug: «Wenn wir schon so gern die finnischen Erfolge zitieren, sollen wir doch auch die Schulsysteme vergleichen. Pro finnische Klasse sind gut 200 Stellenprozente für Lehr- und Betreuungspersonen einberechnet - bei einem um einiges kleineren Unterrichtspensum. Da ist Integration ohne Qualitätseinbussen möglich.» Sollten hingegen die Unterrichtsverpflichtung und auch die Klassengrösse unverändert bleiben, werde die Qualität des Unterrichts zwangsläufig sinken: «Darunter werden nicht nur die schwächeren Kinder leiden, sondern die normal begabten und besonders begabten Schülerinnen und Schüler auch. Und das finde ich ungerecht.»


© FAS 2008


Letzte Änderung 29.10.2008