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Student wollte Prüfung nachbessern und verwies auf seine Behinderung, doch das Gericht sagt nein

Mithilfe des Gerichts wollte ein Jusstudent seine schlechten Prüfungsnoten anheben. Dabei verwies er auf eine Leseschwäche – ohne Erfolg. Das Zürcher Verwaltungsgericht lehnte seine Beschwerde im Juni 2008 ab.

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Das an der Universität Erlernte sogleich zum eigenen Vorteil anwenden darin sind in Zürich die Studierenden an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät die pfiffigsten. Eine Jusstudentin, die zweimal durch die Liz-Prüfung gefallen und deshalb ausgeschlossen worden war, ging bis vors Bundesgericht, um ihr Recht auf Bildung durchzusetzen. Sie fand aber kein Gehör (TA vom 22.7.). Jetzt hat das Verwaltungsgericht einen Fall veröffentlicht, in dem ein Jusstudent sich auf das Behindertengleichstellungsgesetz bezog, um seine ungenügenden Noten anzuheben.

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Der Student war auch beim zweiten Versuch durch die Lizenziatsprüfung gefallen. In den fünf Klausuren erzielte er folgende Noten: 3 (Privatrecht), 3,5 (Öffentliches Recht), 4,5 (Strafrecht), 3,5 Römisches Recht und 5 (Wirtschaftswissenschaft). Gemäss Promotionsordnung genügte das nicht, und da es bereits die zweite nicht bestandene Prüfung war, wurde der Student von der Fakultät ausgeschlossen.

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Darauf wandte er sich an die Rekurskommission der Zürcher Hochschulen – erfolglos – und schliesslich ans Verwaltungsgericht. Der Student verlangte eine nachträgliche Anhebung der ungenügenden Noten, weil seine Dyslexie (Lese- und Schreibschwäche) nicht berücksichtigt worden sei. Dem Behindertengleichstellungsgesetz zufolge hätte er Anspruch auf Prüfungserleichterungen gehabt.

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Seine Prüfung wurde erleichtert

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Tatsächlich lehnte es die Rechtswissenschaftliche Fakultät ab, dem Studenten eine Stunde mehr zu geben für die Klausuren, weil die Unterlagen, welche die schwere Legasthenie/Disorthografie dokumentierten, über 20 Jahre alt waren. Als der Student jedoch ein aktuelles Gutachten nachreichte, das ihm Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten attestierte, verlängerte die Fakultät die Prüfungszeit von drei auf vier Stunden.

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Damit seien die Anforderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes berücksichtigt worden, entschied nun das Verwaltungsgericht. Der Student sei nicht wegen seiner Behinderung gescheitert, sondern weil er in den Prüfungen – trotz einer Stunde mehr Zeit – zu viele Fehler gemacht habe.

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Wegen der Behinderung einen weniger strengen Beurteilungsmassstab anzusetzen, wie es der Student verlangt hat, ist für das Gericht unzulässig: «Der Staat ist nicht verpflichtet, sämtliche faktischen Ungleichheiten zu beheben.» Viele Berufe würden besondere Fähigkeiten erfordern, die nicht alle Menschen im gleichen Masse besitzen. «Der blosse Umstand, dass einzelne Personen ohne eigenes Verschulden diese Fähigkeiten nicht besitzen, kann nicht dazu führen, dass die Anforderungen reduziert werden müssten.»

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Dem Studenten bleibt der Trost, dass er die Gerichtsgebühr von 2000 Franken wegen des Behindertengleichstellungsgesetzes nicht bezahlen muss. Die Rechnung geht an die Gerichtskasse.


Quelle:
Tagesanzeiger vom 24. Juli 2008